Bei Baykal dreht sich fast alles um den Lederball

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Ex-Fussballprofi und jetziger Spielerberater Baykal bevorzugt Vertrauen statt Verträge.

Über Bethlehem und Bümpliz in die weite Welt hinaus – Mit sechs kam er mit seiner Mutter aus der 16-Millionen-Stadt Istanbul ins beschauliche Bern, ins Bethlehemacker-Quartier. Heute, 31 Jahre später, sind die Erinnerungen bei Baykal immer noch präsent.

ZUR PERSON
Baykal
wurde am 12. Mai 1983 in Istanbul geboren und zog mit seiner Mutter sechs Jahre später ins Bethlehemacker-Quartier. Seine Fussballerkarriere begann beim FC Bethlehem, von wo er zum SC Bümpliz 78 wechselte. Dort debütierte er mit 14 Jahren im Fanionteam in der 1. Liga. GC, Thun, Basel, Köln, YB, Aarau, Lokomotive Sofia (Bul), Karsiyaka (Tür) und Schaffhausen waren weitere Vereine, ehe er die Karriere bei 1.-Liga-Klubs ausklingen liess. 23 U21-Länderspiele. Heute ist er Spielerberater.

«Es war eine wunderschöne Kindheit, mit Bethlehem und Bümpliz verbinden mich nur gute Erinnerungen», blickt Baykal in seine Jugendzeit zurück. Mit Fussball begonnen hat der Knirps mit Kollegen vor der Haustüre, bald schon beim FC Bethlehem und später beim SC Bümpliz 78, wo er rasch von Talentspähern entdeckt wurde. In der Schweiz spielte er nach seinem rasanten Aufstieg für fünf Vereine in der obersten Spielklasse (GC, Basel, YB, Thun und Aarau) und auch im Ausland, bei Köln, in Bulgarien und der Türkei, war er aktiv. Nachdem er in sämtlichen Junioren-Nationalteams der Schweiz aufgelaufen war, wurde Baykal auch in der U21 zum Denker und Lenker des Teams – der Weg zur ganz grossen Karriere war für den talentierten Mittelfeldspieler spätestens dann weit offen, als er gegen Frankreich das Siegestor zum 1:0 erzielt hatte. Wie viele andere hatte auch der damalige Trainer des FC Basel, Christian Gross, das Talent des Bümplizers erkannt und ihn mit einem Dreijahres-Vertrag ausgestattet – der grosse Valencia CF kam mit seiner Offerte zu spät.

Denker auch neben dem Feld
Doch das Schicksal, das schon vielen intelligenten Fussballern zum Verhängnis geworden ist, ereilte auch Baykal. Immer wieder trug er mit seinen Trainern, beispielsweise Christian Gross und Hanspeter Latour, Meinungsverschiedenheiten offen aus. Auch an Teamsitzungen ergriff er (zu) oft das Wort. Dies war nicht nach dem Gusto der Coaches, die ihn immer mehr trotz seiner überragenden Qualitäten ins Abseits stellten. Zahlreiche Wechsel waren die Folge – der ganz grosse Durchbruch zu Real, Juventus oder Bayern gelang nicht. Dazu kam, dass er just in dem Moment, als ihn Nationalcoach Köbi Kuhn nachträglich für das erste Länderspiel aufbieten wollte, in Antalya in den Ferien weilte.

Potenzial nicht ausgeschöpft
Mit insgesamt 129 Partien in der Super League und den Auftritten beim 1. FC Köln, in Bulgarien und der Türkei hat Baykal trotz allem eine schöne Karriere hinter sich, auch wenn viel mehr möglich gewesen wäre. «Ich habe vieles falsch gemacht und höchstens 40 Prozent meiner Möglichkeiten ausgeschöpft», schaut der Mann, der im Westen von Bern das Kicken erlernt hat, ohne Wehmut zurück. Zu verhindern, dass dies seinen Schützlingen widerfährt, versucht er heute zusammen mit seinem Geschäftspartner, dem ehemaligen Nationalspieler Philipp Degen (32 Länderspiele). In der SBE Management AG betreut er arrivierte und junge Fussballer. Baykal: «Um nur einige zu nennen: Mustafi (Arsenal, Weltmeister mit Deutschland 2018), Peter Kobel (VfB Stuttgart), Loris Benito (Bordeaux) oder Kevin Rüegg (Hellas Verona), dazu viele andere Spitzenspieler und Nachwuchstalente.» Vom Ball, dem er im Bethlehemacker schon als sechsjähriger Knabe jeden Tag nachjagte, scheint Baykal nie mehr loszukommen. «Es macht grossen Spass, die Spieler zu betreuen, ihnen neben dem Platz beizustehen und zu schauen, dass ihre Karriere reibungslos verläuft.» Verträge unterschreibt die BSE Management mit ihren Spielern nicht – die ganze Zusammenarbeit beruht auf Vertrauen – für den zweifachen Familienvater, der nach wie vor lupenreines Bärndütsch spricht, obwohl er schon lange nicht mehr in Bern wohnt, ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs.

«Ich war gerade kürzlich wieder in Bethlehem und Bümpliz, alles sieht so aus, als ob ich erst gestern weggezogen wäre. Ich fühle mich immer noch zuhause. Mit einer Ausnahme. Auf der Bodenweid gibt es jetzt einen Kunstrasen, wie ich bei meinem Besuch gesehen habe.» Ob die Bümplizer diesen mit der Ausbildungsentschädigung bezahlten, die bei seinem Wechsel zu GC floss, weiss Baykal nicht. Damals war er noch nicht als Spielerberater tätig…

Pierre Benoit

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