«Jeden Tag schenken die Bewohnenden mir ein Lächeln»

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Auf die Tagesform der Bewohnerinnen und Bewohner Rücksicht zu nehmen, ist für sie selbstverständlich: Shannon Woldu.

SERIE DOMICIL BERN-WEST (8/20): DOMICIL KOMPETENZZENTRUM DEMENZ BETHLEHEMACKER – Auch im zweiten Lehrjahr ist sich Shannon Woldu sicher: Sie lernt einen erfüllenden Beruf. Die angehende Fachfrau Gesundheit hat auch im herausfordernden Jahr 2020 viel Freude an ihren Aufgaben im Domicil Kompetenzzentrum Demenz Bethlehemacker gefunden.

Sie geht morgens mit einem Lächeln zur Arbeit – auch unter der Maske. Die Lernende Shannon Woldu, 17, hat sich schon früh in den Beruf der Fachfrau Gesundheit FaGe verguckt. Nicht nur ist ihre Mutter auch in der Pflege tätig. «Ich bin da etwas vorbelastet», sagt sie lächelnd. Auch die Arbeit mit Menschen fand sie schon immer anziehend. Deshalb engagierte sie sich bereits mit 14 Jahren im Generationenprojekt des Domicil Kompetenzzentrum Demenz Bethlehemacker. Hier kam sie wöchentlich mit Bewohnenden in Kontakt, lernte viel über den Verlauf der Erkrankung. Nach und nach konnte sie sich den Beruf gut vorstellen. «Und ich durfte vier Tage eine Schnupperlehre machen. Da habe ich noch mehr Einblick gewonnen. Das hat mir viel gebracht», sagt Woldu. Bewusst suchte sie sich Domicil Bethlehemacker als Ausbildungsort aus, weil sie das auf die Bedürfnisse von Menschen mit einer Demenz angepasste Haus begeisterte. Heute arbeitet sie in einer Wohngruppe im dritten Stock. «Wir haben angepasste Farben, Lichter, eine Oase, Videoinstallationen und einen speziellen Garten. Das finde ich toll.» Im Garten regen beispielsweise Duftpflanzen die Sinne der Bewohnenden genauso an, wie Tiere und ein abwechslungsreicher Untergrund. «Mit den Rollstühlen fahren wir über kleine Kiesel. Damit es ruggelet», erzählt Woldu von einem der zahlreichen Details. 

Von Anfang an integriert
Schon vom ersten Tag an konnte sie viele Aufgaben übernehmen. 2020 gab es besondere Herausforderungen. Im Lockdown half sie, personelle Engpässe auszugleichen und für die Bewohnenden da zu sein. «Im Frühjahr durften sie keine Angehörigen mehr empfangen. Das war eine schwierige Zeit, auch weil Menschen mit einer Demenz viel weniger nachvollziehen können, warum diese Schutzmassnahmen notwendig sind. Manche zogen sich zurück», schildert Woldu. Hier konnten ihre Kolleginnen und sie als einzige Bezugspersonen emotionalen Halt geben. «Wir arbeiten als Team und können uns so gegenseitig gut helfen. Wir haben das Beste gegeben.» Die angehende FaGe fühlt sich seit Beginn der Ausbildung bestens unterstützt. Sie kann stets mit ihrer Berufsbildungsverantwortlichen reden und lernt viel von ihr. «Wenn ich für etwas noch nicht bereit bin, kann ich ihr das auch ehrlich sagen und es wird berücksichtigt. Das schätze ich sehr.» Als Woldu positiv auf Covid-19 getestet wurde und deshalb einen überbetrieblichen Kurs nicht besuchen konnte, fanden sie gemeinsam eine Lösung, um die Lerninhalte nachzuholen.

Mit Empathie und Fachwissen
In ihrem Beruf wächst die angehende FaGe jeden Tag, viele Abläufe und Aufgaben kann sie inzwischen gut meistern, eignet sich immer mehr Kompetenzen an. Als junger Mensch täglich mit dem Vergessen durch die Demenzerkrankungen der Seniorinnen und Senioren konfrontiert zu sein, fordert sie heraus. Inzwischen weiss Woldu: «Sie kennen keine Vergangenheit und keine Zukunft, sie leben ganz im Jetzt.» So bestehe ihr Beruf auch viel aus Zuhören, die Realität, in der sich eine Person jetzt befindet, zu akzeptieren und aufzunehmen. Auf die individuelle Tagesform des Einzelnen muss sie eingehen, zeigt viel Empathie. Sie empfindet es als sinnstiftend, anderen Menschen helfen und beistehen zu können. «Jeden Tag schenken die Bewohnenden mir ein Lächeln. Sie sind dankbar und das motiviert mich nachhaltig», sagt sie über die erfüllenden Seiten ihres Berufs.

Shannon Woldu schreibt auch Dokumentationen, lernt wie man Medikamente richtet und bestellt, begleitet Arztvisiten sowie Ein- und Austritte. Die Kommunikation nimmt einen grossen Teil ihrer Arbeit ein. Daneben eignet sie sich medizinisches, logistisches und administratives Wissen an. Woldu wünscht sich, dass die Anerkennung für den Beruf der Fachfrau Gesundheit in den nächsten Jahren noch steigt. «Viele haben vom Beruf FaGe ein einseitiges Bild. Dabei ist er sehr vielfältig. Wir haben weit mehr Kompetenzen als nur Körperpflege.» Die Kombination aus Berufsschule, Kursen und Arbeit im Domicil findet sie bereichernd. Daneben kann sie in ihrer Freizeit kreativen Hobbies wie Malen und Musik nachgehen. 

Nach der Lehre möchte sie die Berufsmatur machen und sich an der Fachhochschule weiterbilden. Auch die Höhere Fachschule wäre eine Option. Shannon Woldu ist überzeugt: «Ich möchte auf jeden Fall weitermachen.»

 Michèle Graf

Ausbildung bei Domicil
Domicil bietet in verschiedenen Berufen Lehrstellen an. Engagierte Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sorgen für eine fundierte fachliche und praxisorientierte Grundausbildung.
Kontakt:
Domicil Fachbereich Bildung, Tel. 031 307 20 20
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