Johann Peter Hebel und die Sek Bümpliz

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Das berühmte Sek-Schulhaus in Bümpliz. Das Foto stammt etwa aus dem Jahr 1950.

AUS DER BÜMPLIZER VERGANGENHEIT – HEITERE GESCHICHTEN VON MAX WERREN – Während rund hundert Jahren genossen einige Tausend Schülerinnen und Schüler den Unterricht in der höchsten Bildungsanstalt von Bümpliz, der Sekundarschule.

DER AUTOR
Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».

Wobei der Begriff «genossen» mit Vorbehalt hingenommen werden sollte. Ein gelangweilter Schüler erinnert sich mit Verdrossenheit an die Deutschstunden, in denen der hochgelobte alemannische Dichter Johann Peter Hebel die Hauptrolle spielte.

Von den Anfängen der Sekundarschule
Im selbständigen Bauerndorf Bümpliz war 1896 mit der erweiterten Oberschule der Französischunterricht eingeführt worden. Diese Neuerung bedeutete eine qualitative Erweiterung des Lehrplans, der unter anderem die Fächer biblische Geschichte, Schönschreiben, Schweizergeschichte und Linienzeichnung umfasste. Der Unterricht fand in den beiden Dorfschulhäusern an der Bümplizstrasse statt. Das dritte Schulhaus wurde 1903 auf der Höhe erstellt. Angesichts der knappen Finanzen der damaligen Gemeinde Bümpliz musste an allen Ecken und Enden ge-spart werden. So wies das Gebäude beispielsweise keine Toiletten auf und der Turnunterricht erfolgte mangels einer Turnhalle und Geräten nach spartanischen militärischen Grundsätzen, zu denen auch Marschübungen und Strammstehen gehörten.
1905 erfolgte die offizielle Gründung der Sekundarschule und am 10. April fand die erste Eintrittsprüfung statt. Von 91 angemeldeten Kindern konnten 65 aufge-nommen werden. Der Schule wurden zwei Räume im ersten Stock des Höhe-Schulhauses zur Verfügung gestellt. Die schnell wachsende Bevölkerungszahl von Bümpliz und die dadurch bedingte Zunahme der Zahl von Schülerinnen und Schülern – in der Unterstufe mit einem Klassenbestand von bis zu 70 Kindern – bedingte einen Ausbau des Höhe-Schulhauses. Die vergrösserte Sekundarschule fand Platz im neuen Gebäudeteil.

1911 konnte die Sekundarschule ihr eigenes Schulhaus an der Bümplizstrasse beziehen. Der markante und zweckmässige Bau des Bümplizer Architekten Karl Indermühle wurde bereits 1923 durch denselben Architekten er-weitert. Es entstand bis 1951 die zehnklassige Schule. Zudem ermöglichte die neue Turnhalle ei-nen von den Witterungsverhältnissen unabhängigen Turnunterricht. Ein mit (dauerkaltem) Stadtbachwasser gefüllter Bade-weiher diente dem weitherum ungeliebten Schwimmunterricht – meist von Lehrern in Anzug und Krawatte beaufsichtigt.

Die Qualität des Unterrichts
Es ist eine altbekannte Tatsache, dass Kinder – speziell in der Ent-wicklungsphase zwischen zehn und 16 Jahren – sich stark an der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrperson orientieren. Vermutlich war dies zu meiner Zeit vor 70 Jahren noch ausgeprägter. Pädagogische Förderung durch geachtete und respektierte Lehrerinnen und Lehrer lösten sich ab mit autoritären Umgangsformen, die Kopfnüssen, Schlüsselwerfen oder bestenfalls zynischen Bemerkungen («Und nun sage ich es noch einmal für die Dümmeren.») umfassten. So hatte sich zu meiner Zeit ergeben, dass ich auf Weihnachten hin mit meinen Schulkolleginnen und -kollegen ein anspruchsloses Krippenspiel einstudierte. Der vermeintliche Erfolg beflügelte mich und so machte ich mich in der achten Klasse an die Umsetzung des Klassikers von Erich Kästner «Drei Männer im Schnee». Einem älteren Deutschlehrer stiess diese «flagrante Missachtung des heiligen Geistes in der Vorweihnachtszeit» dergestalt auf, dass er mein sorgfältig aufgebautes Manuskript vor der Klasse zerriss und mich in die sogenannte Lehrerkonferenz zitierte, wo ich ganz offiziell gemassregelt wurde. Ganz offensichtlich empfand die Lehrerschaft den Untertitel «Lustspiel» (siehe Originalprogramm) angesichts der moraltriefenden Weihnachtsstimmung als provokativ.

Unsägliche Deutschstunden
Der Deutschunterricht an der Sekundarschule Bümpliz war in meiner Klasse geprägt durch zwei Literaten, deren Ergüsse aus meiner Sicht an Langweiligkeit kaum zu übertreffen waren: Peter Rosegger, ein österreichischer Hei-matdichter aus der Steiermark, dessen Erlebnisse als Waldbauernbub in der haarsträubenden Schilderung des Dahinscheidens eines kleinen Zickleins gipfelten sowie Johann Peter Hebel, einem alemannischen Dichter aus dem Wiesental, nahe bei Basel. Wenn ich auch den Wert seiner vielgerühmten literarischen Arbeit in späteren Jahren durchaus schätzen lernte, so waren seine «Allemannischen Gedichte» im Wiesentaler Dialekt eine totale Zumutung. Auch seine ab 1803 herausgegebenen «Kalendergeschichten» mit ihren hohen Ansprüchen an Moral und Vater-landsliebe vermochten mein Interesse nicht zu wecken und so verbrachte ich den grössten Teil meiner Deutschstunden in völliger Apathie – oder noch schlimmer – ich versteckte ein «Jerry Cotton-Heftli» hinter den Buchseiten und verschlang mit roten Backen diese sogenannte Schundliteratur. Ein Umstand (die roten Backen), der meinem Deutschlehrer natürlich nicht entging und der mit einem präzis justierten Wurf des Schlüsselbundes und mehreren Malen Hinauswurf vor die Türe beendet wurde.

Das Hoöhe-Schulhaus, fotografiert um das Jahr 1950.

Was ich zu jener Zeit nicht begriff und was mir noch heute unerklärlich erscheint, ist die Tatsache, dass zu meiner Schulzeit einer der interessantesten und lebendigsten Schweizer Schriftsteller keine 50 Meter von unserem Schulzimmer lebte: Carl Albert Loosli, «Der Philosoph von Bümpliz»! Sein Roman «Es stirbt ein Dorf», der die Auflösung der dörflichen Gemeinschaft von Bümpliz zum Thema machte, wäre mit Sicherheit ein bleibendes Unterrichtserlebnis für uns Kinder gewesen. Da aber Loosli in den Augen der mehrheitlich konservativen Lehrerschaft ein umstrittener Revoluzzer war, war sein Wirken an der Sekundarschule obsolet. Einem damals jungen wie beliebten Lehrer – er starb kürzlich im Alter von 100 Jahren – wurde dies zum Verhängnis. Seine Lesungen über die Werke von Loosli und ein Besuch mit der Schulklasse im benachbarten Stöckli, hatten einen Verweis von Seiten der Schulleitung zur Folge.

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