Franz Ludwig von Erlach und sein Erker

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Archäologische Grabungsarbeiten am Fundament des Rundturms um 1974.

Aus der Bümplizer Vergangenheit – heitere Geschichten von Max Werren – Anlässlich der Wiederaufbauarbeiten des durch einen Brand beschädigten Schlosses Bümpliz im Jahre 1980, wurden am Nordwestflügel des Gebäudes Überreste eines Erkers entdeckt. Der Fund wurde von Experten als besonders wertvoll bezeichnet, weil es sich hier um das älteste barocke Architekturzeugnis der Stadt Bern handelt.

Die Bedeutung des Erkers in der städtischen Architektur ab dem Mittelalter
Die Funktion eines der Fassade vorgesetzten Gebäudeteils – häufig aufwändig und repräsentativ gestaltet – hatte in der Regel zwei Zweckbestimmungen: Einerseits ermöglichte der Blick links und rechts der Fassade eine Übersicht über den Eingangsbereich des Hauses (was allerdings in der Stadt Bern mit den Laubengängen nicht immer möglich war), anderseits bildete der Erker ein Statussymbol, wie dies heute gelegentlich in Form von teuren Autos, Uhren oder ähnlichen Luxusgütern vor Augen geführt wird.

In der Stadt Bern erreichte der Bau von Erkern nie dieselbe Bedeutung, wie dies beispielsweise in den Städten Schaffhausen oder St. Gallen der Fall war. Zu offensichtlich war in Bern die Einsicht verbreitet, dass man den Reich-tum nicht öffentlich zelebrieren sollte. Waren es im Spätmittelaltern noch fünf bis sechs Erker, finden sich heute noch gerade drei Exemplare, nämlich zwei gegenüberliegend beim Zytglogge untenaus sowie am oberen Mayhaus an der Münstergasse.


Der Bau des Schlosses Bümpliz
Ausgehend vom Bau einer einfachen hölzernen Wehranlage um 900, rudimentär geschützt durch einen Palisadenzaun und einem rundum verlaufenden Wassergraben, erlebte das heutige (alte) Schloss Bümpliz einen steten Wandel in Abhängigkeit von den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen. Ursprünglich als temporär genutzten Standort des Königreichs Hochburgund ge-baut, erhielt die Anlage 1255 durch Petervon Savoyen eine steinerne Wehrmauer und einen massiven Rundturm, dessen Fundamente noch heute sichtbar sind. Um 1425 fiel die Herrschaft Bümpliz erbweise an die Familie von Erlach, die 1470 den Gebäudekomplex unter Verwendung älterer Teile in ein spätmittelalterliches Schloss umwandelte. Dadurch erfuhr der Besitz eine deutliche Aufwertung und die standesbewusste Patrizierfamilie konnte die Reihe ihrer herrschaftlichen Campagnen um ein weiteres Bijou erweitern. In diese Zeit fällt auch die Errichtung des dominanten Torturms samt hölzernem Brückenjoch als Widerlager für eine Zugbrücke.

Seine grösste Ausdehnung erhielt das Schloss in den Jahren 1625 bisIn dieser Zeit entstanden der bewohnbare Nordwestflügel und der Ringmauerzug im Nordosten. Zusammen mit den südlichen und südöstlichen Wehrbauten samt Torturm mit angebautem Abortturm und dem östlichen Eckturm von 1470 (am Ende der heutigen Thüringstrasse) vermittelte der Gebäudekomplex den Eindruck eines repräsentativen Herrschaftssitzes. Vom Weg aus der nahen Stadt Bern über die Murtenstrasse und der Abzweigung beim heutigen Gasthaus Jäger kommend, erblickten die Gäste des stolzen Schlossherrn Franz Ludwig von Erlach d.J. als erstes den wohl hübschesten Gebäudeteil des Schlosses: Den Barockerker an der Nordseite des Gebäudes.

Die wechselvolle Geschichte des Franz Ludwig von Erlach d. J.
1596 wurde Franz Ludwig als erstes Kind des einflussreichen Franz Ludwig von Erlach d. Ä. und der Salome Steiger in Bern geboren. Sein Vater galt mit seinen Herrschaftsrechten in Spiez, Schadau, Bümpliz und Oberhofen als sehr vermögend. Ihm ist beispielsweise der prachtvolle Ausbau des Schlosses Spiez zu verdanken. Er wurde 1629 zum Schultheiss von Bern ernannt und diente der Republik Bern und der Eidgenossenschaft in der schwierigen Zeit des Dreissigjährigen Krieges als Vermittler und Gesandter. Aus heutiger Sicht vermag der Umstand, dass er mit zwei Ehefrauen nicht weniger als 35 (!) Kinder zeugte, allerdings etwas befremdlich wirken. Zumal zehn dieser Nachkommen bereits bei der Geburt oder im Kindesalter starben.

In einem Kaufbrief von 1630 nennt sich Franz Ludwig d. J. als Mitherr von Bümpliz. Er hatte offensichtlich von seinem Vater zu dessen Lebzeiten die eine Herrschaftshälfte geerbt. Die zweite Herrschaftshälfte erwarb er von den Nachkommen seiner Schwester Johanna, die an Pest gestorben war. Offensichtlich beeinflusst durch die rege Bautätigkeit seines Vaters vor allem in Spiez und Schadau, intensivierte er den Ausbau des Schlosses Bümpliz. Durch Heirat mit drei vermögenden Frauen gelangte er zu finanziellen Mitteln, die ihm angesichts der zahlreichen Geschwister vermutlich nicht zugestanden wären. Inwieweit der Tod von sieben seiner Schwestern im Pestjahr 1528 die Erbmasse beeinflusste, ist heute nicht mehr zu ermitteln.

Franz Ludwig d. J. erlangte 1635 das einträgliche das Amt eines Gubernators von Aelen (Landvogt von Aigle) und erlebte kurze Zeit danach eine Amtsentsetzung wegen Ehebruchs. Er verbrachte vermutlich seine letzten fünf Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1650 auf Schloss Bümpliz. Er musste nicht mehr erleben, wie sein Sohn und Nachfolger Franz Ludwig III. wegen Todschlags mit der Verbannung aus der Republik Bern bestraft wurde (1667) und seine Herrschaftsrechte an Jakob Tillier verkaufte. Damit endete die Geschichte der Patrizierfamilie von Erlach auf Schloss Bümpliz.


Bau und Untergang des Erkers
Im Zusammenhang mit dem erwähnten Bau des Nordwestflügels (heute: parallel zu Bümplizstrasse)und des Nordostflügels (heute: parallel zu Klinik Permanence) eröffnete sich die Möglichkeit, das eher trutzige Erscheinungsbild des Schlosses mit dem Anfügen eines Erkers entscheidend aufzuwerten. Die geringe Tiefe von 80 Zentimetern erlaubt keine wesentliche Nutzung für Wohnzwecke, vermittelt indes von aussen den ge-wünschten Effekt von Pracht. Dazu trug auch der das Dach überragende Turm mit Glockenhaube und verglasten farbigen Ziegeln bei. Der Fenstersturz mit dem Allianzwappen von Erlach und von Wattenwyl sowie der Jahreszahl 1632 bildete das wichtigste Element der Aussenwand.

Erker mit Allianzwappen von Erlach-von Wattenwyl von 1632.

Das Jahr 1632 hatte im Übrigen eine besondere Bedeutung für den Schlossherr Franz Ludwig d. J.: Es bedeutete den Abschluss der wichtigsten baulichen Veränderungen für lange Zeit, im gleichen Jahr verstarb seine erste Frau Elisabeth von Chambrier, er heiratete seine zweite Frau Esther von Wattenwyl und wurde Vater seines Sohnes Franz Ludwig III. aus zweiter Ehe. Wahrlich eine Fülle von Ereignis-sen, deren Inhalt Stoff für eine Filmromanze liefern könnte …


Hatte der rund um das Schloss verlaufende Wassergraben im 17. Jahrhundert noch eine gewisse fortifikatorische Bedeutung – gelegentliche Raubzüge von marodierenden Soldaten aus dem 30-jährigen Krieg waren nicht selten – so setzte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts eine stete Verlandung beziehungsweise Aufschüttung des Grabens ein. In diese Zeit fällt auch der mutmassliche Fall des Erkers in die Senke. Der Zugang im 1. und 2. Stock wurde vermauert und die Erinnerung an das einstige Juwel schwand. Der Totalabbruch der südseitigen Gebäudeteile (heute: Seite Indermühleweg), die als billigen Steinbruch für den Bau des Neuen Schlosses verwendet wurden, beschleunigte den optischen Niedergang des Alten Schlosses. Die Titulare der Herrschaft Bümpliz wohnten fort an im Neuen Schloss (Eröffnung 1742); im bisherigen Gebäude verblieben die Dienstboten. Dies blieb auch nach dem Ende der Herrschaft durch die gnädigen Herren und der Nutzung der beiden Schlösser durch bürgerliche Orga-nisationen so.


Mit dem Kauf des Alten und des Neuen Schlosses durch Johann Friedrich Albrecht Tribolet im Jahre 1839 erhielt das Alte Schloss erneut ein stark verändertes Aussehen. Die bisherigen Wirtschafts- und Gewerberäume wurden zu Patientenzimmern für seine Pri-vatklinik umgebaut. Der einstige Wassergraben diente nun als Garten, die Überreste des ehemaligen Erkers lagen unerkannt unter der Erdoberfläche.


Ein Brand beschert eine wundersame Entdeckung
1954 bot die Gemeinnützige Genossenschaft als Betreiberin der ehrenamtlich geführten Gemeindestube das Alte Schloss der Stadt zum Kauf an. Der Kaufpreis betrug 79 800 Franken und entsprach dem amtlichen Wert. Verschiedene Nutzungsvorschläge endeten ergebnislos und das Gebäude zer-fiel zusehends. Obwohl dringend nötige Unterhalts- und Reparaturarbeiten unumgänglich erschienen, verstrich bis zur Renovation ein weiteres Vierteljahrhundert. Der Anstoss zum Umbau kam schliesslich von Seiten der Archäologie. Der nachmalige Kantonsarchäologe Hans Grütter empfahl die Aushebung des einstigen Wassergrabens und sprach vom zweitwichtigsten Wasserschloss des Kantons Bern (was ehrlicherweise erwähnt werden muss: nebst Bümpliz verfügt der Kanton nur noch über ein Wasserschloss, nämlich die Landshut). Die in Angriff genommenen Pla-nungsarbeiten durch das Architekturbüro Rausser & Clemençon erfuhren am 19. November 1976 einen jähen Unterbruch: Zeuselnde Buben entfachten in einem leerstehenden Raum ein Feuerchen, das sich zu einem Gross-brand entwickelte. Mit Ausnahme des angesengten Dachstocks im Torturm fiel ein Grossteil der bewohnbaren Gebäudeteile dem Feuer zum Opfer. Das vermeintliche Unglück erwies sich im Nachhinein als Glücksfall: Die subtile Annäherung an die einstigen Umbauten des 17. Jahrhunderts des Franz Ludwig von Erlach d. J. durch die Architekten, insbesondere aber auch die Wiederherstellung des Wassergrabens, ermöglichten eine Renaissance des wichtigsten historischen Gebäudes von Bümpliz. Der absolute Höhepunkt der Umbauarbeiten wurde indes erreicht, als bei den Grabungsarbeiten zum neuen Wassergraben Zeugen des ehemaligen Erkers entdeckt wurden, nämlich drei von vier Konsolen samt Bodenplatte sowie als wichtigstes Element der sorgfältig gehauene Fenstersturz mit Allianzwappen und der Jahreszahl 1632. Diese Fragmente bildeten die Grundlage für weitere Nachforschungen zum längs verschollenen Gebäudeteil.


Im Oktober 1980 erhielt die Bevölkerung des gelegentlich wegen ihrer vielen Neubausiedlungen kritisierten Stadtteils VI ein Kleinod, das zu den schönsten historischen Bauten des Kantons gehört. Franz Ludwig von Erlach d. J. und zwei zeuselnden Buben sei Dank!

DER AUTOR
Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».

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