Seine erste Gage bestand aus 40 Tafeln Schokolade

1965 war das Geburtsjahr der Band «The Jackys» mit Frontmann Ueli «Jacky» Schmutz. Der heute 76-jährige Berner kann auf eine lange und erfolgreiche Musikkarriere zurückblicken. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. 

Im Salon seines hellen, geräumigen Einfamilienhauses im solothurnischen Obergerlafingen steht unübersehbar ein weisser Flügel. Ich fordere ihn auf, sich für das Foto ans Instrument zu setzen und so zu tun, als wäre der Journalist nicht anwesend. Das tut er dann auch – und wie! Er legt mit einem Boogie Woogie los, die Post geht ab, Jacky Schmutz ist in seinem Element. 

«Der Dritte Mann» in  der Chartreuse

Aufgewachsen ist Ueli Schmutz an der Könizstrasse im Berner Liebefeld. Die jährlich stattfindende Bümplizer Chilbi und das nahegelegene «Weyerli» hatten es dem Knaben angetan. Dadurch empfand er schon früh Sympathien zum Berner Stadtkreis VI. Damit nicht genug: Vor 30 Jahren hörte er den Song «Going back to Bümpliz» eines ihm bekannten Bänkelsängers. Dieser Song begeisterte ihn dermassen, dass er ihn seinem Kollegen abkaufte, den Text grösstenteils übernahm und die Melodie nach seinem Gusto arrangierte. So wurde das «Bümplizer Lied» bis heute sozusagen zum Markenzeichen von Jacky. «Es gibt keinen Auftritt ohne diesen Song, das Publikum verlangt danach», lacht Jacky.

Wie ist eigentlich der Name «Jacky» entstanden? «Als ich etwa 17-jährig war, fragte mich der damalige Wirt des Restaurants Sternen in Belp, ob ich zusammen mit einem Drummer zum Silvester aufspielen würde», erzählt Jacky. «Der Beizer publizierte in der Zeitung ein entsprechendes Inserat und kündigte uns als ‹Jackys› an – ohne unser Wissen! Er brauchte einen zugkräftigen Namen, der nach Rock’n’Roll tönte. So habe ich diesen Künstlernamen behalten.»

Klein-Ueli sass schon im Alter von etwa fünf Jahren stundenlang vor dem Radio und hörte sich «melodiöse Musik» an, auch Ländler. «Das ist eigentlich Country-Musik», begründet Jacky seine damalige Vorliebe. Aber auch zahllose Schellack-Platten seines Vaters mit Hazy Osterwald, Teddy Stauffer, Duke Ellington und anderen Jazz-Grössen «verschlang» der talentierte Knabe. Er spielte die Stücke auf dem Heimklavier nach und improvisierte. Das ist bis heute so geblieben, Klavierunterricht genoss Jacky nie, Noten lesen kann er nicht. «Wenn ich eine Melodie pfeife, kann ich sie danach auf dem Klavier spielen», erklärt der Autodidakt.

Mit sieben Jahren spielte Ueli an einem Sonntagnachmittag im Restaurant Chartreuse in Hilterfingen erstmals vor Publikum. «Nach dem Sonntagsspaziergang kehrten wir in der Chartreuse ein. Dort konzertierte jeweils ein Barpianist, der mir auf Geheiss meines Vaters den Platz freimachte. Ich spielte die Titelmelodie des 1949 gedrehten Filmklassikers ‹Der Dritte Mann›», weiss Jacky zu berichten. «Als Gage erhielt ich von den Gästen Schokolade, es waren etwa 40 Stück!»

Highlight in Nashville, Tennessee

Jacky Schmutz ist ein Rock’n’Roller mit Leib und Seele. So erhielt er 1981 mit der LP «20 Rock’n’Roll-Hits» von EMI-Records die Goldene Schallplatte für 25 000 verkaufte Exemplare in der Schweiz. «Als bisher einziger Schweizer Rock’n’Roller», fügt Jacky stolz hinzu. Als musikalisches Vorbild nennt er den legendären Jerry Lee Lewis. «Er hat als damals einziger das Klavier als Hauptinstrument für den Rock’n’Roll gewählt und nicht die Gitarre wie die anderen Rock-Musiker; das hat mir imponiert.» Jahre später durfte Jacky sein Vorbild persönlich kennenlernen. «Jeder, der Rock’n’Roll mit Klavier spielt, muss Jerry Lee Lewis zum Vorbild haben», so das unmissverständliche Urteil von Jacky.

Ueli Schmutz intoniert mit seinen Jackys Boogie Woogie, Blues und Rock’n’Roll. Welche dieser drei Stilrichtungen liegt ihm am nächsten? Auch dazu hat Jacky eine klare Meinung: «Boogie ist eigentlich nichts anderes als ein schneller Blues. Im ursprünglichen Rock’n’Roll steckt vollständig Blues, aber nicht unbedingt im Tempo. Die drei Stile haben Seelenverwandtschaft und sind für mich deshalb ‹gleichberechtigt›.»

Neben Jerry Lee Lewis haben ihn frühe persönliche Begegnungen mit Hazy Osterwald, aber auch mit Memphis Slim oder Big Mama Thornton am American Folk Blues Festival im Theater National in Bern musikalisch geprägt. «Das Höchste für mich war aber unser Auftritt an der Country Fan Fair in Nashville, Tennessee, obschon wir dort als Schweizer Band unter ‹ferner liefen› und beim amerikanischen Publikum wohl keinen nachhaltigen Eindruck hinterliessen», erinnert sich Jacky. Aber allein schon an diesem Hotspot des Country und Rock’n’Roll mitmachen zu dürfen, sei einzigartig und unvergesslich gewesen. 

Sex, Drugs and Rock’n’Roll

Ja, Groupies habe es natürlich gegeben. «Und glaub mir: Ich habe es in vollen Zügen genossen! Damals sprach man noch von «Garderobe-Bekanntschaften», schwärmt Jacky rückblickend. Im zarten Alter von 21 Jahren heiratete Jacky ein Mädchen, «das meinem Vater gar nicht passte. Es war eine Art Trotzreaktion», besinnt sich Jacky. Er nahm es damals mit dem Ehegelübde nicht so genau und lebte das wilde Leben weiter wie vorher; seine Droge war der Alkohol. Die Ehe dauerte denn auch nur etwa drei Jahre. Das Bündnis mit seiner heutigen Frau Marianne hat aber umso mehr Bestand und währt seit 48 Jahren.

Am Flügel spielt Jacky den Boogie Woogie.

Die derzeitige auftrittslose Coronazeit empfindet Jacky als «Horror», nicht wegen existenzieller Gründe, «aber ich brauche die Bühne, meine Band, das Publikum». Sein Gitarrist schlage sich zurzeit in Zürich als Strassenmusiker durchs Leben. Am 17. Juni 2021 ist die bereits um ein Jahr verschobene grosse Geburtstagsparty «75 Jahre Jacky» in der Mühle Hunziken geplant, 260 Tickets sind bereits verkauft. «Aber wenn im Juni noch die gleichen Vorschriften mit höchstens 50 Besuchern gelten, werden wir den Event erneut absagen müssen. Damit kann ich nicht mal meine Musiker bezahlen», bedauert Jacky. Aber noch sei nichts entschieden und die Hoffnung sterbe bekanntlich zuletzt.

Jacky plant denn auch schon weiter: «Im 2022 möchte ich im Sternensaal in Bümpliz zusammen mit dem Schweizer Boogie Woogie- und Blues-Pianisten Nico Brina eine ‹schöne Sache› durchziehen.» Going back to Bümpliz.

ZUR PERSON
Ueli Schmutz
, alias «Jacky» (76), ist in Bern-Liebefeld aufgewachsen und schloss die Lehre als Lebensmittelverkäufer ab. Später wurde er Filialleiter eines Grossverteilers. Als er die Musik zu seinem Beruf machte, arbeitete er im Verkauf-Aussendienst, «um ein sicheres Standbein zu haben». Jacky ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Söhne und wohnt seit 1972 in seinem Eigenheim in Obergerlafingen.

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