Vom Tscharnergut in die weite Fussball-Welt

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L'entraineur luganais Maurizio Jacobacci lors de la rencontre de football a huis clos de Super League entre FC Sion et FC Lugano lors de la pandemie de Coronavirus (Covid-19) ce jeudi 4 mars 2021 au stade de Tourbillon a Sion. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Begonnen hat das Leben als Fussballer für Maurizio Jacobaccci auf den Rasenplätzen im Tscharnergut, im FC Bethlehem und im SC Bümpliz 78. Seither stand er – als Spieler und Trainer – für mehr als 30 Vereine im Einsatz. 

Quer durch die ganze Schweiz, in allen Regionen, auch in Liechtenstein und Österreich, hat der sprachgewandte Bub aus dem Tscharnergut bisher seine Spuren hinterlassen, zuerst als torgefährlicher Stürmer und seit 26 Jahren als Coach und Trainer. Seit einem halben Jahr ist der 58-Jährige an seiner insgesamt sechsten Station im Tessin tätig – und wie! Den FC Lugano hat er im Oktober übernommen und aus dem Tabellenkeller bis in die Verfolgergruppe von Meister YB geführt. Mit dem Relegationsplatz oder dem Abstieg haben die Luganesi nichts mehr zu tun – dort machen sich derzeit vor allem Sion, Vaduz, St. Gallen und Zürich Sorgen. 

Die schönen Erinnerungen

«Im Tscharni erlebte ich eine wunderschöne Kindheit, wir spielten vor und nach der Schule in jeder freien Minute Fussball und bereits mit neun Jahren trat ich dem FC Bethlehem bei. Weil ich dort so viele Tore schoss, durfte ich zum SC Bümpliz 78, es war nicht nur eine erfolgreiche, sondern auch eine lustige Zeit mit vielen guten Kollegen», erinnert sich Maurizio gerne an seine ersten Versuche im Fussball zurück. Als er zwölf war, entdeckten ihn die Young Boys, mit denen er im Alter von 16 unter Trainer Friedhelm «Timo» Konietzka seinen ersten Match mit dem Fanionteam bestritt. Maurizio Jacobacci: «In der Mannschaft stand damals auch Karl Odermatt, 21 Jahre älter als ich, das werde ich ebenso wenig vergessen wie mein erstes Tor für YB gegen Chiasso und mein absolutes Highlight, den Meistertitel mit Xamax und mein Tor im Meistercup-Viertelfinal beim 2:0-Sieg gegen Real Madrid.»

Eine veritable Tour de Suisse

Die Tour de Suisse ist zwar vor allem bei den Fans des Radsports ein Begriff, doch was Maurizio Jacobacci in den letzten 40 Jahren erlebt hat, war zwar nicht mit anstrengenden Fahrten auf dem Ledersattel über Susten, Lukmanier und Grimsel gespickt, beinhaltet mit Ausnahme Basels aber doch jede noch so hintere Ecke der Schweiz, ob Chiasso, Schaffhausen oder den Genfersee. «Mir wäre lieber, ich hätte nicht so viele Wechsel vornehmen müssen, aber es war auch eine schöne Lebenserfahrung, es galt immer, sich wieder zu integrieren, sich für eine neue Aufgabe zu motivieren. Zum Glück gelang mir dies, ich konnte überall Fuss fassen, die Reiserei war nicht geplant, aber es hat sich letztlich so ergeben.»

Im Palmarès des FC Lugano stehen zwar je drei Meistertitel und Cupsiege, doch der letzte Erfolg datiert aus dem Jahr 1993. «Der Titel ging verdientermassen an YB, doch für uns ist die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb immer noch möglich», sagt Maurizio Jacobacci und gibt auch einen Einblick in sein hohes taktisches Verständnis, mit dem er die Tessiner wieder auf Erfolgskurs geführt hat. Obwohl er selbst Stürmer war und gerne Tore schoss, ist seine Spielidee italienisch geprägt, pflegt er ein den Fähigkeiten der Spieler angepasstes System, das auf einer sicheren Abwehr mit schnellem Umschalten in die Offensive fusst. «Der Prozentsatz an Ballbesitz steht bei mir nicht an oberster Stelle. Mir ist wichtig, dass wir dem Gegner wenig Chancen zugestehen und nach Balleroberung schnell vor das gegnerische Tor kommen.» Das bekannte Motto «Angriff ist die beste Verteidigung», gilt bei den Ticinesi nicht. Jacobacci bevorzugt zwar ein 4-2-3-1-System, doch sah er bald einmal, dass auch mit einer Fünf-Mann-Verteidigung Erfolge möglich sind, «weil sich so die ganze Feldbreite abdecken lässt, der Mannschaft diese Spielart geläufig ist und sie so grosses Selbstvertrauen hat. Stundenlanges Hirnen über taktische Varianten – Sorgen, die Maurizio Jacobacci noch nicht plagten, als er zwischen Hochhäusern im Tscharnergut und beim FC Bethlehem dem Ball nachjagte.

ZUR PERSON
Maurizio Jacobacci
wurde am 11. Januar 1963 in Bern geboren. Er ist Doppelbürger Schweiz/Italien. Seine Fussballerkarriere begann beim FC Bethlehem, danach SC Bümpliz 78, YB und weitere acht Vereine. Meister mit Xamax 1987. Als Trainer bisher 17 Klubs, seit Oktober 2019 FC Lugano.

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