Von rarem Wasser in Bümpliz

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Die Bewässerung von Kulturland in Bümpliz war bis Mitte des 20. Jahrhunderts während den niederschlagsarmen Sommermonaten häufig nicht gewährleistet. Einer der Gründe lag darin, dass aus dem Stadtbach kein Wasser entnommen werden durfte. 

Die «Verstaatlichung» des Stadtbachs im 12. Jahrhundert

Vor der Gründung der Stadt Bern im Jahre 1191 mündete der heutige Stadtbach in die Senke zwischen Veielihubel und Engländerhubel beim heutigen Lohryplatz in den Sulgenbach und von dort via Sulgenau in die Aare. Als Bestandteil der umsichtigen Stadtplanung beanspruchten die zähringischen Landesherren das Wasser aus dem vom Wangental her fliessenden Bach und bauten zu diesem Zweck einen künstlichen Kanal, der sich bereits auf der Höhe von Bethlehem vom ursprünglichen Lauf absonderte. Damit folgten sie einem Prinzip, das ihnen beim Bau früherer Siedlungen – so zum Beispiel in Freiburg im Breisgau – sehr zustattenkam: Eine Wasserspeisung für das sogenannte Brauchwasser, das heisst der Versorgung der Brunnen und des Abwassersystems. Während in Freiburg die «Bächle» noch heute oberirdisch in schmalen Kanälen quer durch die Altstadt fliessen, verläuft der Stadtbach in Bern mehrheitlich unter dem Boden. Als sichtbaren Nutzen des Wassers erleben flanierende Besucherinnen und Besucher der Hauptgassen in erster Linie die historischen Stockbrunnen, die bis ins späte 19. Jahrhundert den Frauen als Wäschetrog dienten. Weitgehend unbeachtet ist indes eine zweite Funktion, die bis heute einen unentbehrlichen Dienst leistet: Die Ehgräben, ein Kloakensystem, das sich vom seinerzeitigen Christoffelturm bis hinunter in die Nydegg über die gesamten Altstadt erstreckt. Eine klug ausgetüftelte Abfolge von Schiebern ermöglicht eine Durchflutung der unterirdischen Kanäle, die sich in der Mitte unter den Gebäuden, jeweils zwischen zwei Strassenzügen befinden. Seit 1967 fliesst das Abwasser nicht mehr ungereinigt in die Aare, sondern über einen mächtigen Stollen in die ARA Bern-Neubrück. Eine weitere Funktion dieses wichtigen Wasserlaufs war der Antrieb der Wasserräder für die auf städtischem Boden befindlichen Getreidemühlen.

Rigorose Vorschriften

Angesichts der enormen Bedeutung dieser Wasserzufuhr war es naheliegend, dass die Stadt peinlich genau darauf achtete, dass dem Stadtbach bis zum definitiven Eintritt ins eigentliche Stadtgebiet kein Wasser entzogen wurde. Dem auf Landwirtschaft ausgerichteten Dorf Bümpliz und dem Wangental wurde dies insbesondere in den trockenen Sommermonaten immer wieder zum Verhängnis. Missbräuche waren an der Tagesordnung und wurden schwer bestraft. Die Obrigkeit setzte bereits im Mittelalter Kanalinspektoren ein, die unter anderem auch illegale Abflüsse entdecken mussten. Im Wangental gruben findige Landeigentümer an Hanglagen eigene Quellen, die indes nach Rechtsauffassung der städtischen Behörden als natürliche Zuflüsse für den Stadtbach galten und demzufolge nicht privat genutzt werden durften. 

Im Gegenzug war das Dorf Bümpliz für den Unterhalt und insbesondere für die Uferverbauung des Bachs verantwortlich. Um der Verunreinigung entgegenzuwirken, war das Pflügen nur bis auf zwei Meter Distanz zum Wasser erlaubt. Fischen war verboten. Als besondere Zumutung empfanden die Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Gebiete im Bereich der Murtenstrasse aber eine Massnahme, die als reine Schikane angesehen wurde: Bei Hochwasser wurde die Schleuse im Bereich der heutigen Verzweigung Murtenstrasse/Untermattweg abgesenkt und ein Teil des Wassers ergoss sich in die Senke Untermatt/Ziegelacker. Damit wurde verhindert, dass an den Mühlerädern und in den Ehgräben der Stadt Schäden entstanden. 

Verständlich, dass dies dem Verhältnis zwischen Bern und Bümpliz nicht zuträglich war. Der verbotene Holzschlag und der immer wieder geahndete Frevel in den staatseigenen Wäldern Könizberg-, Bremgartenwald und Forst trug das Seine dazu bei. An Versammlungen im Gasthof Sternen erhoben wütende Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme – in der Regel ohne eine ernsthafte Resonanz seitens der Stadt. Nach solchen tumultartigen Anlässen mit kräftigem Biergenuss begaben sich die Männer in der Regel nach draussen, um sich am offenen Stadtbach ihres Wassers zu entledigen. Immer in der insgeheimen Hoffnung, ein kleiner Rest davon möge am nächsten Morgen in der Wäsche an den Stockbrunnen der Stadt seinen Niederschlag finden.

Bauer Schwab und das Marzilibähnli

Am 18. Juli 1885 nahm in Bern die kürzeste öffentliche Standseilbahn der Schweiz den Betrieb auf. Es ist die Marzilibahn vom Marziliquartier an der Aare hinauf zum Bundeshaus-West. Das Bähnli überwindet auf der 105 Meter langen Fahrt 31 Höhenmeter. Bis ins Jahr 1974 war die Marzilibahn eine sogenannte Wasserballastbahn. Oben wurde ein Tank unter der Passagierzelle mit Wasser gefüllt. Der hinab fahrende Wagen zog durch sein Gewicht den aufwärts fahrenden Wagen nach oben. Die Wasserzufuhr von der Spitalgasse hin zur Bergstation erfolgte über einen Seitenkanal, der mit Wasser vom Stadtbach alimentiert wurde. Soweit die Vorgeschichte.

Der Kriegssommer 1942 war wieder einer dieser niederschlagarmen Perioden, die die Bauern, welche nicht über eigene Quellen verfügten, zur Verzweiflung trieben. Teile des Viehbestandes mussten notgeschlachtet werden, weil das Futter fehlte. Bereits im August fielen die Äpfel von den Bäumen. Zudem waren viele Bauern immer wieder im Aktivdienst und die Ehefrauen samt den Angehörigen kümmerten sich um den Betrieb. Der Bauernbetrieb Schwabgut, im Bereich der heutigen Normannenstrasse/Schwabstrasse gelegen, wurde in dieser Zeit von zwei Gebrüdern betrieben. Ihre Mutter hatte das Land aus einer Notsituation 1903 der Burgergemeinde verkauft und auch die beiden Söhne mussten als Pächter immer wieder finanzielle Einbussen hinnehmen. Der Anblick der zunehmend gelben Felder sowie der dürren Äste in der Hostert verleitete sie zu einer Tat, die sie noch bereuen mussten: Der Stadtbach, der nahe an ihrem Hof vorbeiführte und in einem etwas höher gelegenen Kanal floss, bot sich gewissermassen für eine Notbewässerung an. Und so gruben sie im seitlichen Erdreich eine Abzweigung und liessen das Wasser während den Nachtstunden in die Mulde beim Obstgarten fliessen. So quasi eine Variante der Suonen im Wallis.

Was ihnen Freude und wieder etwas Lebensmut einbrachte, blieb den aufmerksamen Kanalinspektoren des Städtischen Tiefbauamtes allerdings nicht verborgen. Das spriessende Gras und die wieder genesenen Obstbäume des Schwabgutes weckten ihren detektivischen Scharfsinn und ihre Ermittlungen am Tatort ergaben ein klares Bild: Ein notdürftig abgedecktes Rinnsal schmälerte den Fluss des Stadtbachs und damit den Betrieb des Marzilibähnchens.

Kabine des alten Marzilibähnchens. Foto: Max Werren

Eine Busse mit seltsamer Begründung

Es war klar, dass dieser unglaubliche Frevel geahndet werden musste. Allerdings wurde die Zuflussmenge des Ehgrabensystems kaum tangiert und auch die Brunnen an der Hauptachse der Innenstadt flossen immer noch. Was indes unter mangelndem Wasser litt, war der Seitenkanal von der Spitalgasse an die Bergstation des Marzilibähnchens, was zur Folge hatte, dass der Wasserkasten unter der Passagierkabine nur noch nach grösseren Pausen gefüllt werden konnte. Der Fahrplan des Marzilibähnchens musste ausgedünnt werden. Und dies in einem Sommermonat, wo sonnenhungrige Badegäste die Frequenzen in schwindelerregende Höhe trieben und die Wagenführer ausnahmsweise ihre Krawatte und ihren Hut ablegen durften.

Und so kam es, dass die Gebrüder Schwab ins Register der Kriminellen aufgenommen wurden. Sie wurden mit einer erheblichen Busse bestraft. Die Begründung lautete:

Gefährdung des öffentlichen Verkehrs durch mutwillige Minderung der Energiezufuhr für die Standseilbahn Marzili Bern.

DER AUTOR
Max Werren
ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz». 

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