Was Experten von den Räumen eines Journalisten halten

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Die «Neue Zürcher Zeitung» hat BümplizWochen-Autor Marc de Roche im «NZZ-Folio»-Beitrag vom 3. Mai porträtiert. Dies auf eine spannende und charmante Weise: sie liessen eine Psychologin und einen Innenarchitekten anhand von Bildern von de Roches Wohnung Vermutungen anstellen, wer dort lebe. Lesen Sie hier den Nachdruck des Berichts mit freundlicher Genehmigung der «NZZ.»

Die Psychologin Ingrid Feigl
Ein Daheim zum Wohnen und Arbeiten, ein Forschungslabor und eine integrierte Katzenwohnung – mindestens zwei Wesen wohnen hier. Der Bewohner hat seiner Katze eine üppige Behausung neben das Sofa gestellt, umsichtig vor den Heizungsradiator, das Büsi mags warm. 

Der Katzenturm mutet wie überdimensionierte Zwirnspulen aus einer Industriehalle an. Das passt, da der Bewohner eine ausgeprägte handwerkliche Ader hat. Seine «Experimentierstation» hat er im Schlafzimmer grad vor dem Bett installiert, die Nachtruhe stört das vermutlich nicht.

Was in diesem Glaskasten auf dem Tisch wirklich passiert, wozu er dient und was sich darin tummelt, erschliesst sich nicht so einfach. Ist das eine Art Insektentank, Keimstätte für Samen oder ein privater Hors-sol-Garten? Ein Heissluftföhn und ein Vakuumiergerät gehören zum Equipment dazu, vielleicht werden da biologische Proben verpackt? Allzeit bereit, müssen die Forschungsobjekte auch nachts beäugt und betreut werden. Work-Life-Balance scheint aber kein Problem zu sein: Privates und Arbeit sind nicht strikt getrennt. Ob es Hobby oder Beruf ist?

Der Innenarchitekt: «Das Bad gleicht einem Labor in der Wildnis.» 


Der Bewohner lebt ordentlich, bescheiden und genügsam. Im inzwischen etwas verblichenen Sofa sitzt es sich gut, der Couchtisch ist praktisch, um Fachbücher darauf auszubreiten, das Bücherregal über dem Sofa ist vermutlich eine Eigenkreation. Die Bibliothek macht einen sortierten Eindruck, gekrönt von einer kleinen indischen Gottfigur. Macht er Forschungsexpeditionen in östliche Länder, hat er dort berufliche Aufgaben als Biologe, Naturkundler, Heilpraktiker, der sich für seltene Pflanzen oder Insekten interessiert?

Erfahrung auf seinem Gebiet hat er wohl schon viele Jahre, er ist nicht mehr der Jüngste und gehört noch zur Generation, die sich einen Duden ins Bücherregal stellt. Sein Lebensstil ist ohne Schnickschnack. Das Bad, ein XL-hoher Schlauchraum, ist eine perfekt ausgestattete Reinigungsstätte für einen aufrechten Mann. Ziemlich gross muss er gewachsen sein, an dem hochgehängten Spiegel käme Frau nicht mal mit dem Schemel ran. Liebevoll hängt hier ein schönes, altertümliches Leinenhandtuch. Auf dem Kleiderschrank im Schlafzimmer lagern diverse Caquelons, vielleicht versammelt er hin und wieder die Verwandtschaft zur geselligen Fondue-Runde? Wohnen tut er aber gerne allein mit seiner Katzendame.

Das Schlafzimmer: Hier wird experimentiert, Tag und Nacht.


Der Innenarchitekt Jörg Boner
Bekommt man hier einen Einblick in neue Arbeitsformen? Gibt es zu diesen Räumen noch einen Online-Shop dazu? Und was wird wohl mit der Folie im Schlafzimmer verpackt?

Es scheint, als ob sich hier so etwas wie die Weiterentwicklung eines Homeoffice zeigt: zu Hause arbeiten, Handelsware verpacken und in die Welt versenden. Und das alles ohne Arbeitgeber. Was genau verpackt wird, erschliesst sich nicht. Vielleicht sind es Tiere aus eigener Zucht. Aber die könnten ja unter der transparenten Folie nicht mehr atmen. Hier wohnt und arbeitet ein Mann allein. Er verpackt und versendet und verdient damit sein Einkommen. Ob sein Wohnort zum Arbeitsort wurde oder sein Arbeitsort nebenbei auch noch als Wohnung dient, lässt sich nicht so genau sagen.

Das Bad jedenfalls gleicht eher einem Labor in der Wildnis als einer Wellnessoase in einer teuren Zürcher Penthouse-Wohnung. Die Räume befinden sich wohl in der Agglomeration des Mittellandes. Grün ist hier drin nicht nur das Sofa und der Wandkalender. In diesem Haushalt dreht sich einiges um Natur, Landschaft und Tiere. Der Katzenbaum im Wohnzimmer und das Terrarium im Schlafzimmer sind nur der eine Teil der Geschichte. Diese Behälter und Ablagen dienen den domestizierten Tieren. Dem Bewohner scheint es aber um mehr zu gehen: um die heimische Fauna und Flora. Die Landschaft und die Natur sind bedeutend für ihn.

Das Regal neben der Türe hat er wohl selbst geschreinert. Wie ein moderner Neubau im Garten hängt es unvermittelt neben einem türlosen Bauernschrank. Der Heizkörper, die Tür, das Regal und der Schrank reihen sich wie vier Solitäre auf. Sie bilden das Panorama hinter dem Sofa, dem Katzenbaum und dem Abfallsack, der so gross geraten ist, dass man ihn zwei Wochen lang nie entsorgen muss.

Das Sofa hat kein Geringerer als Le Corbusier gezeichnet. Es hat inzwischen etwas Patina erhalten, die Füllung der Kissen gehorcht der Schwerkraft. Der Grandezza des Stücks tut das keinen Abbruch. Breit und selbstbewusst steht es da, wie wenn es grad in einem der vielen Wohnheftchen posieren müsste.

Das weisse Salontischchen auf dem roten Teppich und das Fischgratparkett bilden den Vordergrund der Szenerie. Trotz der Klasse einzelner Stücke würde hier wohl kaum die Redaktion einer Zeitschrift, die sich dem schöneren Wohnen widmet, klingeln und die nächste Homestory schreiben wollen.

Dieses Wohnzimmer gleicht eher einer raffiniert gestalteten Theaterbühne. Keinem Innenarchitekten würde eine solche Inszenierung gelingen. Aber mancher Marthaler würde diese Wohnung als sein Vorbild wählen. Wer hier drin wohl spielen wird?

Die Psychologin: «Im etwas verblichenen Sofa sitzt es sich gut.»

Zur Person

Marc de Roche ist 77 Jahre alt, Vater und Grossvater, ehemaliger Informatiker, jetzt Rentner im Unruhestand. Er ist als Schmetterlingszüchter tätig. Die Schmetterlinge lässt er fliegen, auch an Hochzeiten, hält Vorträge und gibt Kurse in der GartenAkademie. Als Journalist schreibt er für die BümplizWoche..


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