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«Das Wichtigste: Man muss Menschen mögen!»

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In der Öffentlichkeit ist die Band-Genossenschaft wenig bekannt. Dabei leistet sie einen bedeutenden Beitrag in unserer Gesellschaft. Direktor Meinrad Ender liefert konkrete Beispiele. 

Meinrad Ender, Maschineningenieur HTL mit Nachdiplomstudium in Unternehmensführung, leitet die Band-Genossenschaft seit 2005. Ende dieses Jahres übergibt der bald 63-Jährige das Zepter einem Nachfolger und geht in «Frühpension», um seinen zahlreichen Hobbies zu frönen, «back to the roots, weniger kopflastig, mehr handwerklich», wie er uns verrät. In unserem Interview ist nichts von Amtsmüdigkeit zu spüren, im Gegenteil: Das Feuer der Begeisterung für seinen vielseitigen Job lodert nach wie vor.

Vor 17 Jahren kamen Sie als Quereinsteiger zur Band-Genossenschaft. Wie haben Sie sich in diese komplexe Materie eingearbeitet?
Die wichtigste Voraussetzung für diese Arbeit ist, dass man Menschen gern hat. Ich stiess ja in eine seit Jahrzehnten bestehende, bewährte Struktur mit verschiedensten Mitarbeitenden in verschiedensten Funktionen. Ich durfte also auf viel Know-how zählen. Das Tagesgeschäft läuft auch ohne Direktor. Ich denke an unsere Gruppenleiterinnen und -leiter, welche mit unseren Mitarbeitenden Kundenaufträge ausführen.

Was haben Sie erreicht, was nicht?
Ich bin froh, dass wir die Zahl der Arbeits- und Ausbildungsplätze markant erhöhen konnten. Je mehr Menschen wir integrieren und beschäftigen können, desto besser. Ich lege viel Wert darauf, dass wir mit Wertschätzung und auf Augenhöhe miteinander umgehen. So haben wir beispielsweise heute nur noch ein Personalreglement, ungeachtet des psychischen oder physischen Zustandes, der Funktion oder hierarchischen Stellung. Wir sprechen lediglich von «Mitarbeitenden», ohne Differenzierung. Seit kurzem sind unsere Mitarbeitenden auch Genossenschafter. Wem sollte die Genossenschaft denn gehören wenn nicht ihnen selbst? Bei der Mitbeteiligung der Mitarbeitenden bei konkreten Projekten sind wir allerdings noch nicht ganz da, wo ich gerne sein möchte.

Mit welchen häufigsten Beeinträchtigungen kommen die Menschen zu Ihnen?
Früher hatten wir einen grossen Anteil an geistigen Beeinträchtigungen. Von dort hat sich das Klischee hartnäckig gehalten «von Menschen, die in einer Werkstatt Kuverts kleben». Heute haben wir es am meisten mit psychischen Beeinträchtigungen zu tun, das ist der gesellschaftliche ‹Zeitgeist›. Diese Menschen können sehr intelligent sein, durchleben aber schwankende Phasen. So bilden wir beispielsweise Informatiklernende EFZ aus. Wichtig ist das Umfeld, worin sie sich entwickeln können.
Welches sind die Kerntätigkeiten der Band-Genossenschaft?
Ganz klar die Arbeitsintegration, getreu unserem Motto «Wir verbinden Mensch und Arbeit». Dabei mache ich keinen Unterschied zwischen externer Integration in einem Unternehmen und interner Integration bei uns. Hauptsache ist, dass der beeinträchtigte Mensch in der Arbeitswelt integriert ist, in einem seinem Potenzial entsprechenden Umfeld, egal, ob dies ein Arbeits-, Ausbildungs- oder Abklärungsplatz ist.
Zurzeit sind unsere Auftragsbücher gefüllt. Sorgen bereitet uns gegenwärtig die Materialbeschaffung in den verschiedenen Sparten. Damit sind wir allerdings nicht allein. Unsere Herausforderungen decken sich immer mit den Herausforderungen der Gesellschaft und Wirtschaft.
Ist es schwierig, beeinträchtigte Menschen im externen Arbeitsmarkt zu platzieren?
Die Invalidenversicherung hat durch Früherfassung und Integrationsbemühungen viel erreicht, Menschen, die einmal durch ein Ereignis aus dem Arbeitsleben gerissen wurden, wieder zu integrieren. Bei Band arbeiten Menschen, wo es klar ist, dass sie im freien Arbeitsmarkt kaum eine Stelle finden werden. Da sind wir die richtige Arbeitgeberin. Bei den Ausbildungen hingegen gehen wir mit fast allen Lernenden, welche die Grundbildung abgeschlossen haben, in den ersten Arbeitsmarkt. Die derzeit tiefe Arbeitslosigkeit und der Fachkräftemangel erleichtern diesen Zugang. 
Sie sind noch gut drei Monate im Amt. Welchen Ratschlag geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
(Überlegt lange) Ich hoffe, dass er Menschen gern hat. Wenn dies der Fall ist, benötigt er keinen Ratschlag, dann ist er am richtigen Ort!

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