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Von Bümpliz aus auf die Gleichstellungsbaustelle

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Mit Realismus und einer unerschütterlichen Portion Idealismus setzt sich Sophie Achermann für Gleichstellung und gegen Hass im Netz ein. Daneben ist sie zweifache Mutter und politisch engagiert. Wie sie das alles schafft? Teamwork und viel Schlaf. 

Bilder von vernachlässigten Kindern und erhobenen Damenhänden – heutzutage befremden die alten Wahlplakate gegen das Frauenstimmrecht sehr. Bewusst haben Sophie Achermann (28) und ihre Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle der Alliance F die damaligen Ja- und Nein-Parolen aufgehängt. Eine Schweiz ohne Stimmen der Frauen – heute undenkbar und doch: «Wir feiern nicht 50 Jahre Frauenstimmrecht, aber dessen Vorkämpferinnen. Wir stehen heute dankbar auf den Schultern der Frauen, die damals mutig dafür eingetreten sind. Die Geschichte zeigt: Wenn die unterschiedlichsten Frauen zusammen kämpfen, haben wir ein riesiges Potential die Schweiz zu verändern.» 

So lancierte der Dachverband schon Projekte wie Helvetia ruft, 2021 das Frauenrütli, demnächst steht die Frauensession an. Die vollkommene Gleichstellung der Geschlechter bleibt eine Langzeitbaustelle, auf der die Bernerin Achermann unermüdlich schafft. 

Komplexe Probleme
Die reflektierte Geschäftsführerin von Alliance F zeigt, dass die Probleme dabei oft zusammenhängen. Es fehlten eine ideal lange Elternzeit, Vaterschaftsurlaub und genügend bezahlbare Kitaplätze, so dass Frauen schneller wieder in den Beruf einsteigen können. Achermann, selbst zweifache Mutter, sagt: «In der Stadt Bern funktioniert es mit den Kitas glücklicherweise gut, aber in ländlichen Gegenden können meine Bekannten von einer solchen Infrastruktur nur träumen.» 

Hinzu kommt eine hohe Besteuerung des meist weiblichen Zweiteinkommens in der Ehe. Zusammen mit den Betreuungskosten lohne sich Mütterarbeit so weniger. Achermann weiss: «20 Prozent der Mütter geben an, unfreiwillig unterbeschäftigt zu sein. Sie würden gerne mehr arbeiten, können es sich aber nicht leisten. Das ist eine Absurdität!» So kämpft Alliance F auch für die Individualbesteuerung und gegen weibliche Altersarmut. Letztlich bleibt die finanzielle Unabhängigkeit einer der wichtigsten Faktorn der Gleichstellung und gegen Gewalt an Frauen. «Patriarchale Strukturen zementieren sich, wenn eine Person die Macht und das Geld hat.» Mit der richtigen Gesetzgebung kann dies durchbrochen werden.

So hat Helvetia Sophie Achermann selbst früh gerufen. Sie war Schweizer Jugenddelegierte bei der UNO in New in New York und baute das Berner Jugendparlaments mit auf. Nach KV und Berufsmatura arbeitete sie im Sekretariat der Kommissionen für Umwelt, Raumplanung und Energie der Parlamentsdienste. Mit gerade einmal 25 Jahren wurde sie Geschäftsführerin bei Alliance F. Für das Grüne Bündnis sass sie die letzten Jahre im Stadtrat. Mit dem Projekt Stop Hate Speech setzt Achermann sich heute gegen Hass im Netz mittels eines intelligenten Suchalgorithmus und einer Community, die positive Gegenrede erzeugt, ein. 

Wie schafft sie das alles? Achermann lacht. «Das sieht von aussen schlimmer aus, als es ist. Ich habe hier ein unglaubliches Team. Wir retten uns immer gegenseitig.» Ihr zweites Erfolgsrezept? «Ich schlafe viel, so dass ich danach möglichst effizient sein kann. Eltern kennen das: Um 18 Uhr macht die Kita zu, bis dahin muss man seine Arbeit erledigt haben.» 

Zur Person
Sophie Achermann, 28, aus Bern, verheiratet, ist seit drei Jahren Geschäftsführerin von Alliance F. Die gelernte Kauffrau baute das Berner Jungendparlament mit auf und sass für dieses im Berner Stadtrat. Sie lebt mit ihrer Familie in Bümpliz.

Stöckacker Süd
In ihrer Heimat Bern ist sie sehr verwurzelt, lebt gerne als Städterin. «Ich habe es nie aus Bern rausgeschafft», sagt sie mit einem Lächeln. Achermann stammt aus dem Läggass-Quartier. Mit ihrer Familie lebte sie lange in einer kleinen Wohnung im Steigerhubel, wo es bald zu eng wurde. «Nun ist es der Stöckacker Süd geworden», sagt sie begeistert. Besonders die Diversität des Quartiers ist ihr sehr sympathisch. «Vom Schweizer Einfamilienhaus bis zum grossen Wohnblock. Hier findet sich alles. Das ist spannender als in der Länggasse.» 

Natürlich sieht sie auch die Gentrifizierung, nimmt es aber mit Humor: «Wir sind in einen Inplace gezogen, wir wissen es nur noch nicht.» In ihrer wenigen Freizeit tanzt sie leidenschaftlich gerne oder trifft sich mit alten Freudinnen oder der Familie. «Viele haben ganz andere Lebensrealitäten als ich und holen mich im Denken aus der Komfortzone.» Menschliche Kontakte sind für sie immer eine grosse Inspiration. Egal welches Lebens- und Familienmodell, Achermann will erreichen, dass Frauen sich gegenseitig nicht mehr beurteilen, sondern unterstützen.

Infokasten
Alliance F setzt sich als überparteiliche Stimme der Frauen in der Schweizer Politik ein. Die Organisation macht Interessenvertretung, um die Gleichstellung von Frau und Mann zu realisieren – in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und der Politik. Alliance F besteht aus über 100 Frauenorganisationen, welche sich vor 120 Jahren zu einem Dachverband zusammengeschlossen haben. Zu den Mitgliedern zählen Frauen und Männer aus allen grossen politischen Parteien, darunter aktive und ehemalige National-, Stände-, und BundesrätInnen. Das Büro befindet sich in der Berner Länggasse.

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