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Ein Rückblick auf den Bümplizer Gewerbeverein

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Bäckerei Rotschi an der Bernstrasse. Aufnahme um 1925. Fotos: zvg

Vor über 100 Jahren wurde der heutige Gewerbeverein KMU Bern West gegründet. Erster und langjähriger Präsident war der legendäre Pfarrer, spätere Drucker, Verleger und Kunstförderer Albert Benteli. Ein Einblick in die Vorstandsprotokolle hält wichtige, aber auch amüsante Entscheide und Begebenheiten fest.

Die Gründerjahre, der 1. Weltkrieg und das Tram

Die Bemühungen zur Wahrung der Interessen der Vereinsmitglieder betrafen insbesondere die Bautätigkeit. Immer wieder wird die mangelnde Kompetenz des Gemeinderates der damals selbständigen Gemeinde Bümpliz angezweifelt. Kleinkriege zwischen Bauunternehmer und Bauinspektor über die Mauerdicke bei Neubauten beherrschten die Diskussionen. Wichtige Projekte, wie die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, wurden wegen den langandauernden Fusionsverhandlungen mit der Stadt Bern auf die lange Bank geschoben. Der Gemeinderat reagierte einige Male sehr unwirsch auf Kritik und verbat sich jegliche Einmischung in die Tagespolitik. 

In regelmässigen Abständen setzte sich der Vorstand für den Bau einer Tramlinie nach Bümpliz ein. Im Protokoll der Versammlung vom 16. August 1912 wird festgehalten: «Der tit. Gemeinderat soll nochmals eingeladen werden, sich der Tramfrage energisch anzunehmen und nötigenfalls eine Volksversammlung zu veranstalten.»

Viehmarkt und Weiterbildung

An der Hauptversammlung vom 1. September 1919 beschlossen die Anwesenden, es sei in einer Eingabe an die Behörden der Stadt Bern die Errichtung einer Badeanstalt in Bümpliz zu verlangen. Da diese Forderung offensichtlich nicht erste Priorität der Bümplizerinnen und Bümplizer genoss, wandte sich das Interesse der Schaffung eines Bümplizer Viehmarktplatzes zu. Bis in die späten 1920er Jahre fand der Grossviehmarkt am Klösterlistutz beim Bärengraben statt – ein Standort, der für die Bümplizer Bauern und Metzger unvorteilhaft war. Der Vorstand setzte eine 13-köpfige Kommission ein, die dem anfänglichen Widerstand der städtischen Behörde entgegenwirkte. Am 22. April 1927 konnte der erste Viehmarkt, ergänzt durch einen Warenmarkt, auf dem heutigen Chilbiplatz durchgeführt werden. 

Der Vorstand bemühte sich immer wieder, seinen Mitgliedern Weiterbildungskurse anzubieten. Leider stiessen diese Angebote wie Buchhaltungskurse, Referentenkurse, Hilfe zum Ausfüllen der Steuererklärungen etc. auf ein geringes Interesse. In dieser Situation befand der Vorstand, regelmässige Vorträge zur Erweiterung des Allgemeinwissens einzuführen. Und so kam es, dass Veranstaltungen mit dem Titel «Was heisst Weltuntergang?» (Prof. Dr. Mauderli), «Traum, Hypnose und sog. Geheimwissenschaften» (PD Dr. von Ries) oder «Nordamerikanisches Wirtschaftsleben» (Prof. Dr. Schöffler) angeboten wurden. An der Hauptversammlung vom 8. März 1928 gab der Präsident O. Weiss freimütig folgendes zu Protokoll: «Die Vorträge wachsen je länger je mehr zu einem Fiasko aus.»

Dass es auch andere, weitaus beliebtere Weiterbildungsanlässe gab, zeigt das Beispiel eines Ausflugs nach Biberist und Attisholz und der Besichtigung der Papier- bzw. Cellulosefabrik. Nicht weniger als acht Mal wurde auf der Reise in Gasthäusern eingekehrt. Aus dem lustvoll verfassten Bericht des Sekretärs H. Maier-Keller ein kurzes Zitat: «Vor einem Restaurant angelangt, sprach einer von Afrika. Alle bekamen Durst.» Selbstredend erfolgte die Reise mit Privatwagen – die Promillekontrolle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden!

 

Der 2. Weltkrieg, die Migros und die Frauen

Der Vereinsausflug vom 31. August 1939 wurde im Wissen über einen drohenden  Kriegsausbruch nach eingehender Diskussion trotzdem durchgeführt. Trotz vordergründig aufgeräumter Stimmung war jedem Teilnehmer klar, dass er möglicherweise bereits am nächsten Tag zum Militärdienst einberufen werden konnte. Und genau dies war der Fall: Am folgenden Morgen, dem 1. September um 04.45 Uhr, erfolgte der Überfall deutscher Truppen auf Polen. Der Bundesrat ordnete gleichentags die Generalmobilmachung der Armee an und der Grossteil der Bümplizer Gewerbetreibenden musste den gewohnten Arbeitsplatz verlassen; in die Lücke sprangen pensionierte Berufsleute, insbesondere aber Frauen.

1944 tauchte zum ersten Mal das Gerücht auf, die Migros wolle in Bümpliz eine Filiale eröffnen. Sofort formte sich Widerstand gegen dieses Ansinnen. Verkaufswillige Landbesitzer wurden kontaktiert und auf die negativen Folgen für Detailhändler – damals noch Spezierer genannt – aufmerksam gemacht. Der Schweizerische Gewerbeverband schloss mit dem Migros-Genossenschafts-Bund eine Vereinbarung ab, die für das Jahr 1945 gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Eröffnung neuer Filialen vorsah. Trotzdem konnte die Migros am Buchdruckerweg seine erste Bümplizer Filiale eröffnen. Der Gewerbeverein ermahnte die (männlichen) Mitglieder, den Ehefrauen den Zutritt zu diesem Laden zu verbieten, was diese – unter dem Druck der krisenbedingt mageren Haushaltskassen – mehrheitlich ignorierten. 

Die Zentrumsplanung wird umgesetzt und das Tram erreicht Bümpliz/Bethlehem 

Nach zehnjährigem Schweigen über die Zentrumsplanung Bümpliz überraschte der Gemeinderat die Bevölkerung 1981 mit der Mitteilung, dass die Grundlagen für eine «teilweise bauliche Neuordnung des bestehenden Ortskerns im Sinne eines massstäblichen und attraktiven Zentrums für das Quartier Bümpliz» geschaffen und von einer Expertenkommission abgesegnet worden seien. Hinter der vagen Formulierung stand im Wesentlichen die feste Absicht, an der Ecke Bernstrasse/Brünnenstrasse ein Coop-Zentrum zu errichten. Die Abstimmungsvorlage sprach davon, «dass die charakteristische bauliche Struktur grundsätzlich erhalten werden soll». Es stellte sich nachträglich heraus, dass der Abriss des historisch bedeutenden Pfarrhauses und der Pfrundscheune an der Bottigenstrasse bereits beschlossene Sache war. Eine persönliche Orientierung der Bewohnerinnen und Bewohner von Bümpliz fand nicht statt. Zwei Tage vor der Abstimmung wurden die direktbetroffenen Liegenschaftsbesitzer und Gewerbetreibenden von den städtischen Behörden zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. 

Im gleichen Jahr referierte der ehrenamtlich tätige Ortsarchivar Paul Loeliger an der Hauptversammlung des Gewerbevereins zum Thema «Alt-Bümpliz». Die Organisatoren belohnten ihn freundlicherweise mit der Übernahme der Kosten für den Kaffee. Im Anschluss an die Versammlung genehmigten sich die Vorstandsmitglieder eine Flasche Gevrey-Chambertin sowie zwei Flaschen Ballantine Whisky. Es findet sich kein Hinweis, dass der Referent auch eingeladen wurde!

Am 10. April 2008 erfolgte der offizielle Spatenstich für die neue Linienführung des Trams nach Bümpliz und Bethlehem. Der Gewerbeverein sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass der Besuch von Fachgeschäften im Stadtzentrum damit erleichtert und diese Sparte mittelfristig aus dem Stadtteil VI verschwinden wird. 

2009 feierte der Gewerbeverein HGV seinen hundertsten Geburtstag und gibt sich gleichzeitig einen neuen Namen – KMU Bern West. Der mit der Chronik beauftragte Lokalhistoriker Max Werren macht die unliebsame Entdeckung, dass das Gründungsdatum möglicherweise zwei Jahre früher lag. Der Vorstand beschloss angesichts der dünnen Beweislage auf Beharren an der mündlich überlieferten Geschichtsforschung. Frei nach dem Motto «mir wei nid grüble».

Drogerie und Sanitätsgeschäft Fritz Gurtner an der Bümplizstrasse 153. Aufnahme um 1918.

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