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Vorweihnachten im Dorf namens Bethlehem

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Otto Wenger leitet das Quartierzentrum im Tscharnergut und hat die neuen Laternen erfunden. Fotos: Andreas von Gunten

Bethlehem, das ist der Ort, der für Juden, Christen und Moslems eine besondere Bedeutung hat. Auch für Bern spielt das Quartier im Nord-Westen mit dem berühmten Namen eine wichtige Rolle.

Warum ein Quartier in Bern ausgerechnet Bethlehem heisst, darüber ranken sich viele Mythen und Legenden. Gar schön ist die Vorstellung eines mittelalterlichen Prozessionsweges von Jerusalem (bei der Endstation des Bümplizer Trams) über Bethlehem nach dem Jordan(weiher). Dummerweise gibt es für diesen Ort noch die keltische Deutung des Heims von Bertold, Bertel oder Betel. Abschliessend geklärt ist die Sache allerdings nicht. Das Siedlungsbild der Herrschaft Bümpliz weist bereits um 1500 die bestehende Dreiteilung Bümpliz mit Kirche und Dorfzentrum, Mühledorf mit Altem und Neuem Schloss sowie Bethlehem mit Neuhaus und Brünnengut aus. Während sich das Kirchenviertel in Bümpliz zu einem Bauerndorf entwickelte, behielten die übrigen Siedlungen den Charakter von Weilern. In Bethlehem entstanden im 18. und 19. Jahrhundert entlang der Bümplizstrasse eine Reihe von Wohnhäusern, Gewerbebauten sowie zwei Gasthäuser. Weitere Neubauten folgten dem Lauf der Murtenstrasse sowie am Garbenweg und Messerliweg. Gegen Ende des 2. Weltkriegs schuf das Architektenehepaar Gret und Hans Reinhard für die Siedlungsgenossenschaft der Holzarbeiter und der Zimmerleute auf dem Bethlehemacker eine Reihenhaussiedlung, bestehend aus 143 mehrheitlich zweistöckigen Einfamilienhäusern. Ab 1956 erhielt das Quartier erstmals den Charakter einer modernen Hochhaussiedlung: Auf dem Areal des ehemaligen Neuhausgutes stehen die ersten im Westen Berns errichteten «Wolkenkratzer». 

Es entstand ein Dorf
1949 erwarb die Stadt Bern das ehemalige Landgut der Berner Patrizierfamilie von Tscharner. Wohnungsknappheit war der ausschlaggebende Grund, das bisher landwirtschaftlich genutzte Gebiet zu überbauen. 1955 führte die Stadt einen Wettbewerb durch, den die Architekten Lienhard & Strasser gewannen. Die in jeder Hinsicht vorbildliche Zusammenarbeit mit der Stadt ergab nicht nur eine für diese Zeit visionäre Siedlung, sondern zahlreiche – für ein Dorf elementare – Zentrumsbauten. So entstanden ein Dorfplatz mit Einkaufszentrum und Restaurant, Schulen und Kindergarten, eine Bibliothek, Freizeit-Werkstätten, ein Postbüro, ein kleiner Tierpark und vieles mehr. Das Quartierzentrum im Tscharnergut gilt heute als zentraler Angelpunkt für das gesellschaftliche und kulturelle Leben von Bethlehem.

Vorweihnachtsstimmung im Quartierzentrum
Bereits 1961 entstanden in den Freizeitwerkstätten des Zentrums die ersten Weihnachtslaternen. Die Hüllen aus schwarzem Karton und farbigem Seidenpapier, welche Szenen aus der Weihnachtsgeschichte wurden über die Lichtkandelaber entlang der Waldmannstrasse gestülpt und vermittelten dadurch eine vorweihnächtliche Stimmung. Als die Stadt die Beleuchtungskörper durch zeitgemässe Lampen ersetzte, die nicht ummantelt werden konnten, entwickelte der heutige Leiter des Quartierzentrums, Otto Wenger, eine neue Form der Laternen. Vier Kuben mit je 52 farbigen, beleuchteten Fenstern stehen seit 27. November bis Ende Jahr bei der Kirche Bethlehem, dem Dorfplatz Gäbelbach, dem Dorfplatz Tscharnergut und dem Treffpunkt Untermatt. Kinder und gelegentlich auch Erwachsene beziehen das Material für die Bilder im Quartierzentrum Tscharnergut, im Treffpunkt Untermatt oder in der Bibliothek Gäbelbach. Die Künstlerinnen und Künstler werden zum Auftakt der Aktion an einem Laternenfest mit Glühmost und einem Geschenk belohnt.

Die Sonderpoststelle
Einmal im Jahr gerät ein kleines, temporäres Postbüro ins Fadenkreuz der Philatelisten und Liebhaber von Weihnachtsbriefmarken und der dazu passenden Umschläge. Die Sonderpoststelle Bethlehem! Bereits 1956 verbreitete die damalige PTT den Namen des Stadtteils Bethlehem mit einem speziellen Weihnachtsstempel in alle Welt. Während der anschliessenden Jahre fand ein Extra-Schalter im Schulhaus Bethlehemacker, dann ein Oldtimer-Postauto grossen Zulauf. Ab 1980 gestalteten für lange Zeit die einheimischen Grafiker Paul Sollberger und Thomas Uehlinger die ersten Weihnachts-Briefmarken. Seit 2002 beherbergt das Quartierzentrum im Tscharnergut den Verkaufsstand. Am 9. und 10. Dezember 2021 fanden sich zahlreiche Interessierte vor Ort ein, um Weihnachtsbriefmarken mit dem Sonderstempel «Bethlehem» zu kaufen. Leider gerät die sympathische und einmalige Werbeplattform der Post ins Visier der Sparbemühungen. Dank dem Einsatz und dem Votum der Bevölkerung konnte das Quartierzentrum eine Wegrationalisierung bislang verhindern. 

Vom Dorf und seinen Multikultis
Obschon Vorweihnachten und insbesondere das eigentliche Weihnachtsfest einer christlichen Tradition zu Grunde liegt, spricht kein Mensch in Bethlehem von einer Ausgrenzung nicht-christlicher Mitmenschen. Im Gegenteil bilden die gemeinsamen Vorarbeiten für weihnachtliche Anlässe immer wieder Gelegenheit für Kontakte untereinander, bei denen die Religionszugehörigkeit und der kulturelle Hintergrund ganz offensichtlich keine Rolle spielen. Für Aussenstehende kaum nachvollziehbar: Die friedliche Vorweihnachtsstimmung wird in bester Manier beeinflusst durch das dörfliche Zusammenleben und des Respekts gegenüber den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern.

Die Sonderpoststelle in Bethlehem ist seit Jahren bei der Bevölkerung beliebt.

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