Was sie wahrnehmen, setzen sie bildlich um

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Peter Kovatsch (l.) und Beat Bracher malen mitten in Bümpliz. Foto: Peter Widmer

Die beiden Künstler, der Luzerner Beat Bracher und der Berner Peter Kovatsch, sind seit März in Bümpliz unterwegs und stellen ihre Staffelei an ausgesuchten Orten auf – zur Freude der Bevölkerung.

Ich treffe die beiden Künstler bei der Post in Bümpliz. Peter Kovatsch und Beat Bracher malen nebeneinander, Staffelei an Staffelei, vor ihnen präsentiert sich als Hauptsujet der Davidbrunnen, der Dorfbrunnen von Bümpliz. Beide malen mit Ölfarben die gleiche Szenerie, noch bis 12.30 Uhr bleiben sie heute an dieser Stelle. Die Juli-Sonne brennt, das Licht ist grell. «Nicht gerade ideal», findet Beat Bracher. «Am liebsten sind mir bewölkte Tage, da blendets weniger.»

Wie kamen die beiden auf die Idee, an ausgesuchten Bümplizer Standorten im Freien zu malen? Beat Bracher weiss die Antwort: «Wir sind beide Nachbarn und von Peter Kovatsch wusste ich, dass er mit der Plein Air-Malerei begonnen hatte. Warum also nicht in der Umgebung unseres Lebensmittelpunktes malen?» Peter Kovatsch, der eben erst pensioniert wurde, musste nicht lange überzeugt werden. Und so malen die beiden seit März dieses Jahres im Freien, bis jetzt an 13 Standorten, noch bis zum Beginn der Ausstellung gegen Ende August. Bis dahin werden sie es auf etwa 22 Orte schaffen. Für Beat Bracher, der erst vor zwei Jahren von Luzern nach Bümpliz übersiedelte, eine einmalige Gelegenheit, den Berner Stadtteil VI gründlich kennen und schätzen zu lernen. «Mich faszinieren die Bümplizer Hochhäuser, ich gehe kaum an einem Hochhaus vorbei, ohne es zu fotografieren», schwärmt er. «Wir malten beispielsweise ein Hochhaus im Tscharnergut, wie eine Skulptur hob es sich aus der Grünfläche empor», setzt Peter Kovatsch begeistert noch eine Superlative oben drauf.

Nur positive Begegnungen
Behördliche Genehmigungen für ihr Tun brauchten die Künstler keine. Nur bei den Standorten Weyermannshaus-Bad und Friedhof kündigten sie ihre Präsenz vorher an. «Wir hatten nur erfreuliche Begegnungen mit Passantinnen und Passanten», erzählt Beat Bracher. «Da stehen manchmal ganze Schulklassen bei uns, keine einzige schnöde oder abschätzige Bemerkung – im Gegenteil, sie sind beeindruckt und loben unser Talent!» Der Wettergott war den beiden Kunstmalern bisher hold. Bloss einmal brachen sie die Übung ab – bei schönstem Wetter. «Wir malten im Weyerli auf einem Hügel hinter dem Sprungbrett. Starke Bise kam auf, unten erquickten sich die Badegäste. Wir waren sommerlich leicht bekleidet, nach zwei Stunden waren wir dermassen durchfroren, dass wir es vorzogen, unsere Arbeit vorläufig zu beenden. Beim Becken war die Temperatur angenehm warm, wir hatten auf dem Hügel wohl ein Mikro-Mikro-Klima», lacht Peter Kovatsch.

Ein Sujet – zwei Interpreten
Die beiden Künstler malen an einem Standort stets das gleiche Sujet. Wodurch unterscheiden sich dann die Gemälde? «Manchmal unterscheiden wir uns in der Komposition», antwortet Beat Bracher. «Der eine zieht die Szene etwas näher ran als der andere. Ich male generell etwas freier, während Peter gegenständlicher das Detail pflegt.» Für ein Bild wenden Bracher und Kovatsch zwischen sechs und acht Stunden auf, so benötigen sie etwa zwei Tage an einem Standort für ein Gemälde. «Im Atelier wird nichts mehr nachkorrigiert – vor Ort, dann fertig», sagt Beat Bracher bestimmt. An der Ausstellung vom 27. August bis 10. September werden je Künstler etwa 20 Bilder präsentiert.

Personen finden sich auf den Bildern nur spärlich. Es sei ausserordentlich schwierig, beispielsweise im Weyerli das Badevolk repräsentativ und kenntlich darzustellen. Einzig bei Peter Kovatsch werden beim Standort Europaplatz auf seinem Bild zwei zufällig in der Ferne kurz anwesende Personen auszumachen sein. «Wir setzen einfach den Moment um, wie wir ihn wahrnehmen», sagen beide unisono.

Beat Bracher ist froh, dass es den von Visarte Bern initiierten Kunstraum STALL5 an der Glockenstrasse gibt. Kunst sei ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Gesellschaft, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollten, ist er überzeugt. Deshalb hofft er, dass diese Galerie nicht nur temporär betrieben wird. Für Peter Kovatsch ist die Plein Air-Malerei eine spannende Tätigkeit. «Man beschäftigt sich mit der Atmosphäre des Augenblicks, des Orts und des Lichts», resümiert er. Ob sie das Projekt im nächsten Jahr wiederholen werden, wissen die beiden heute noch nicht.

Zur Person

Peter Kovatsch wurde am 12. Juni 1957 geboren und wuchs in Bümpliz auf. Am Höheren Lehramt in Bern liess er sich zum Zeichenlehrer ausbilden. Während mehreren Jahren dozierte er an verschiedenen Institutionen der Lehrer/innen-Ausbildung und die letzten 20 Jahre war er als Lehrer für Bildnerisches Gestalten am Gymnasium Thun tätig. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit betrieb er immer ein Malatelier. Peter Kovatsch ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Bümpliz.

Beat Bracher, geboren am 4. September 1954, wuchs im Luzerner Seetal auf. Nach dem Gymnasium besuchte er die Schule für Gestaltung. Seit 40 Jahren arbeitet er als freischaffender Künstler. Zudem unterrichtete er während 17 Jahren  figürliches Zeichnen an der Gestaltungsschule Farbmühle Luzern. Beat Bracher ist verheiratet und wohnt in Bümpliz.

Ausstellung von Beat Bracher und Peter Kovatsch

August bis 10. September 2022; Vernissage: 27.8.22, 17 bis 20 Uhr

STALL5 Kunstraum Visarte Bern, Glockenstrasse 5, 3018 Bern-Bümpliz

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