Agrarpraktiker oder Weltklimakühlerin?

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REGION – Früher waren es die Zünfte, heute sind es die Berufsverbände. Damals wie heute sind Jugendliche gefragt, die sich ausbilden lassen und die Arbeitswelt bereichern. Unser Bildungssystem bietet dabei viele Chancen und Zwischenstufen.

Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt befragte im Mai knapp 10’000 Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus dem Kanton Bern zu ihren nächsten Schritten. Gut die Hälfte von ihnen, nämlich 52% im deutschsprachigen Teil des Kantons, hat im August eine berufliche Lehre angetreten, ein Drittel besucht das zweite Jahr des Gymnasiums, je 10% nehmen eine Fachmittelschule oder ein berufsvorbereitendes Schuljahr in Angriff. Nur 213 Jugendliche verfügten zu diesem Zeitpunkt noch über keine Anschlusslösung.

250 Berufe
Wie können 14- oder 15-jährige Heranwachsende herausfinden, ob sie zum Beispiel Agrarpraktiker, Fachfrau Gesundheit, Orthopädieschuhmacherin oder Zahntechniker werden wollen? «Es gibt aktuell rund 250 verschiedene Berufe», weiss Daniel Reumiller. Er ist der Leiter der Berufsberatungs- und Informationszentren des Kantons Bern (BIZ), die mit über hundert Berufsberaterinnen und Berufsberatern Jugendlichen helfen, ihren Weg in die Erwerbstätigkeit zu finden. Auch Erwachsene finden Rat, etwa bei Fragen zur Weiterbildung oder Neuorientierung. Bereits ab der 7. Klasse thematisieren Lehrkräfte die Berufswahl in ihren Klassen – 39 Lektionen sieht der Lehrplan 21 dafür mindestens vor. Vorgesehen ist, dass jede 7. Klasse einmal einen der acht BIZ-Standorte besucht. Mit Infomaterial und Anlässen werden zudem die Eltern mit einbezogen. Ab der 8. Klasse beginnen die Teenager, erste Berufe oder Richtungen miteinander zu vergleichen und in einige hineinzuschnuppern. Auch der Besuch der Berufs- und Ausbildungsmesse BAM steht auf dem Plan. «Sie sollen möglichst viel anschauen und kennenlernen können», erläutert Reumiller. Denn bereits am Ende des 8. Schuljahres sollte in der Regel ein Entscheid für einen Beruf, für eine Fachmittelschule oder fürs Gymnasium gefallen sein.

Viele Bildungswege
Die Schweiz ist bekannt für ihr duales, also durchlässiges Bildungssystem. Während in anderen Ländern der Besuch des Gymnasiums als das Nonplusultra angesehen wird, geniesst die berufliche Grundbildung in der Schweiz einen guten Ruf. Den Einwand, die Berufswahl sei für einen Schulabgänger im Teenageralter viel zu früh, relativiert der BIZ-Leiter: «Die Berufswahl ist grundsätzlich eine erste Wahl, ein Anfang.» Das Bildungssystem sei offen, man müsse und könne sich ständig neu orientieren. Vom Berufsattest EBA zum Fähigkeitszeugnis EFZ und weiter zur Berufsmatur oder direkt an eine höhere Fachschule, von der Fachmittelschule zur Fachmaturität und weiter an die Fachhochschule oder an die Universität: «Kein Abschluss ohne Anschluss», wirbt das BIZ auf einem Faltblatt.

Dipl. Weltklimakühlerin EFZ?
«Das ‹KV› oder eine Informatiklehre sind klassische Lehrberufe; sehr schnell sehr wichtig geworden sind ‹Fachperson Gesundheit (FAGE)› und ‹Fachperson Betreuung (FABE)›», so Daniel Reumiller. Aktuell, wohl im Zuge der Diskussionen um den Klimawandel, seien zudem Naturberufe gefragter denn je. Wichtig sei aber, fügt er an: «Es lohnt sich, die Fühler etwas weiter auszustrecken.» Denn die meisten Oberstufenschüler können aus dem Stegreif nur fünf bis zehn Berufe aufzählen. Dabei gäbe es noch so viele mehr. Im BIZ sind gar Fantasieberufe wie «Klimakühlerin EFZ» auf Karten ausgestellt. Eine andere Herausforderung sei, so Reumiller, starke Genderstereotypen. Dahinter ständen oft besorgte Eltern, die zu einer anderen Zeit aufgewachsen sind. «Darum laden wir die Eltern immer ans erste Berufswahlgespräch ein», führt Reumiller aus. Dort könne aufgezeigt werden, dass heutzutage auch Buben Florist oder Fachmann Betreuung werden können, dass auch Mädchen tolle zukünftige Plattenlegerinnen oder ICT-Fachfrauen sind.

Neue Berufsbilder
Nicht nur die Gesellschaft, auch die Welt ist im Wandel. Der Berufsberatungsleiter studiert bereits die Lektüre der Zukunftsforschenden, um für neu aufkommende Berufsbilder gewappnet zu sein. Die «Industrie 4.0» (Digitalisierte und vernetzte Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten) verlangt nach neuen Qualifikationen und Kenntnissen. Die Arbeit wird uns so schnell nicht ausgehen. Gut, kann die nächste Generation auf Unterstützung bei der Berufswahlvorbereitung und auf ein modernes Ausbildungssystem bauen.

Salome Guida

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