Die schwere Zeit der «Gruebebuebe»

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Bis im Jahr 2000 wurden viele Kinder in der «Gruebe» in Niederwangen Opfer eines autoritären Heims. Bis heute leiden die Betroffenen unter den Folgen der körperlichen, physischen und sexuellen Misshandlungen, die ihnen widerfahren sind. Ein neu erschienenes Buch gibt ihnen nun eine Stimme.

«Chunsch vo Bärn – hesch Stadtluft gnue – z’fahren oder uf de Schueh: Ufder Gruebe wohlets eim. Wär hie wohnt isch rächt daheim!», heisst es im «Gruben»-Lied vom Jahr 1975 zum 150. Jubiläum des damaligen Heims. Drei Jahre nach dem Heinz Kräuchi als Kind mit seinem Bruder durch die Behörden abgeholt wurde. Zuhause hatte er es schwierig, seine Eltern liessen sich scheiden, für die Mutter wäre die alleinige Kindererziehung unter den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen schwierig gewesen. Dass die «Grube» alles andere als ein «Daheim» war, wo man sich wohlfühlt, musste nicht nur Kräuchi, sondern auch viele andere Heimkinder erfahren. Sie wurden Opfer eines autoritären Anstaltsregimes, wie es im neu erschienenen Buch «Knabenheim ‘auf der Grube’» beschrieben wird.

Zweites Buch
Die Geschichte des «autoritären Anstaltregimes» – wie das Heim von Expertinnen und ehemaligen Heimknaben eingeordnet wird – sollte in einem ersten Buch aufgerollt werden. Doch es kam zu einem Rechtsstreit, ein ehemaliger Heimleiter fühlte sich falsch dargestellt. Die Weiterverbreitung des Buches wurde gestoppt, der Restbestand der Bücher entsorgt. Historiker, Wissenschaftlerinnen und ehemalige Heimkinder kritisierten dieses Vorgehen. So kam es schliesslich zu einem zweiten Buch. Diesmal mit Portraits von Ehemaligen und mit einer sozialgeschichtlichen und -pädagogischen Einordnung.
«Bei Erscheinen des ersten Buches, wären noch kaum Leute gefunden worden, die über ihre Vergangenheit reden würden. Es wäre noch zu früh gewesen, viele wollten oder konnten noch nicht darüber sprechen», sagt Tanja Rietmann. Neben Caroline Bühler, Soziologin und Historikerin der PH Bern, spricht die Wissenschaftlerin zusammen mit dem ehemaligen Heimkind Heinz Kräuchi an diesem Abend über die zweite Ausgabe des Buches. Alle drei halfen bei der Realisierung des Buches mit. Kräuchi vertritt die Stimme der ehemaligen «Grüebeler», wie er sie nennt, spricht offen über seine Zeit im Heim und führt ein Theaterstück auf, das er begleitend dazu geschrieben hat. Es sei schwierig, über die Zeit auf der Grube zu sprechen, meint er.

Zucht und Ordnung
«Im Heim herrschte Zucht und Ordnung, das ganze System war hierarchisch aufgebaut. Ältere Buben wurden gegen die jüngeren aufgehetzt», erzählt Kräuchi. Von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen durch Behörden, Manipulationen durch Heimleiter und untereinander, enormem Kontrollzwang, körperlichen und sexuellen Misshandlungen ist die Sprache. Ehemalige Grubenjungen im Publikum schütteln den Kopf, als könnten sie das ihnen widerfahrene immer noch nicht fassen. Dasselbe liest man im neu erschienenen Buch. «In der Schule wurde immer drigschlage. So konnten wir nicht richtig lernen, wir hatten ja nur Angst», beschreibt dort ein ehemaliger Heimjunge. Die Rede ist von zensierter Post, wenn man seine Sorgen den Eltern mitteilen wollte, Schläge mit Stöcken und Seilen oder dem Griff zum Teppichklopfer und einem konstanten Klima der Angst. Doch nicht alle schildern ausschliesslich schlecht über ihre Zeit im Heim. Es habe grosse Unterschiede zwischen den Jungen gegeben, meint ein anderer Betroffener. «Einige wurden besser behandelt als andere.» Doch Folgen hatte die Zeit für die meisten. Denn den Stempel des schwierigen Jungen im Umerziehungsheim, den hatten alle.

«Viele Jungen litten auch noch lange danach an der Stigmatisierung, hatten Mühe, sich in die Gesellschaft einzugliedern oder fanden keine Lehre», sagt Kräuchi. Noch bis heute leiden die Betroffenen an den Folgen der physischen und psychischen Schäden dieser Zeit. «Vulnerable Personengruppen waren einem Machtsystem wie dem der ‘Gruebe’, das sich nach aussen mit einer perfekten Fassade abschottete, mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert», ordnet auch Rietmann ein.

Kanton und Bund gefragt
Viele Ehemalige sind mittlerweile um die 60, stehen allein da, haben Probleme, Beziehungen zu führen oder überhaupt einzugehen, kämpfen mit unbezahlten Rechnungen und Lücken in der AHV oder sind durch die körperlichen Schäden auf eine Invalidenrente angewiesen. «Das Vertrauen in die Behörden haben viele von uns verloren», meint Kräuchi. Lange Zeit habe er Briefe, etwa die Steuererklärung, mit dem Berner Wappen gar nicht erst geöffnet. Der Groll sei zu gross gewesen, sagt er.

25’000 Franken erhielten die Betroffenen vom Bund als symbolische Entschädigung für ihre Heimzeit. «Das tat uns gut, aber das dient uns wenig», meint Kräuchi. «Es ist die Aufgabe der öffentlichen Hand, wenn nötig, psychologische und ökonomische Unterstützung zu bieten», findet auch Rietmann. Denn der Bund und die Kantone würden die Verantwortung dafür tragen, dass viele ehemalige Heimkinder heute noch immer leiden.

Nadia Berger

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