Gebären im heimeligen Stöckli

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OBERWANGEN – Heute kommt die überwiegende Mehrheit der Babys in einem Spital zur Welt. Dabei war es bis vor wenigen Jahrzehnten noch normal, daheim oder bei der Hebamme zu gebären. Wer in Berns Westen eine ausserklinische Geburt wünscht, ist bei Rahel Frösch an der richtigen Stelle.

«Bümpliz ist wahrscheinlich der kinderreichste Stadtteil. Als Hebamme freut mich das natürlich.» Rahel Frösch Mambwa schwärmt von ihrem Quartier. Bümpliz funktioniere wie sonst kaum ein anderer Stadtteil als «Dorf». «Der ursprüngliche Charakter ist nach wie vor erhalten.»

Gebären wie daheim
Seit bald 20 Jahren ist die gelernte Pflegefachfrau auch Hebamme, die letzten zehn Jahre führte sie eine Praxis im «Familienhaus» an der Frankenstrasse. Vor knapp zehn Jahren zog es sie und ihre Familie aus dem nahen Steigerhubel nach Bümpliz. Zahlreiche Kinder aus dem Westen Berns sind mit Fröschs Begleitung daheim zur Welt gekommen, noch mehr Frauen, die in einem Spital geboren haben, erfuhren ihre Betreuung in der Schwangerschaft, im Wochenbett oder bei einer Stillberatung. Nun hat die 46-Jährige ein neues Angebot geschaffen: Eine Geburtspraxis. «Es ist ein Ort für Frauen, die gern ausserklinisch gebären möchten, aber nicht daheim können oder wollen», erklärt sie. Diese Schwangeren können seit August nach Oberwangen fahren, wenn die Geburt losgeht. Eine heimelige Stube in einem Stöckli erwartet sie dort. Es ist ein «Gebären wie daheim», nur nicht daheim.

Traum Hausgeburt
«Laut neuesten Zahlen geben 17 von 100 Frauen an, am liebsten ausserhalb eines Spitals gebären zu wollen. Doch nur 2% tun es dann auch», weiss Rahel Frösch. Die klinische Umgebung, das wechselnde Personal, die Angst vor unnötigen Interventionen schrecken viele ab. Gleichzeitig ist belegt, dass eine vertraute Umgebung einen Geburtsverlauf positiv beeinflusst und dass eine Niederkunft in den eigenen vier Wänden unter den richtigen Bedingungen mindestens gleich sicher ist wie in einem Spital. Warum wählen trotzdem nur so wenige Paare oder Frauen den intimeren Rahmen? Die Gründe sind vielfältig. Mal ist es dem Mann wohler mit ärztlicher Begleitung, mal wohnt man zu abgelegen für den Fall einer nötigen Verlegung. Aber oft möchten die werdenden Mütter auch lieber «irgendwohin», um zu gebären. Etwa darum, weil sie nach einer Hausgeburt selbst ums Aufräumen besorgt sein müssen. Oder weil die Wohnung ringhörig ist und die Nachbaren etwas von der Geburt mitbekommen könnten.

«Zur Hebamme» wie früher
Für sie ist die Geburtspraxis im Westen Berns eine valable Alternative zu einer Spitalgeburt. Zudem sie in Oberwangen eine 1:1-Begleitung durch Rahel Frösch oder ihre Laupener Praxispartnerin Cornelia Remund erfahren, wogegen im Spital – und auch im Geburtshaus – jeweils die diensthabendenden Hebammen zuständig sind – und unter Umständen mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen müssen. Ausser man gehört zu den Glücklichen, die einen Platz bei einer der wenigen Beleghebammen ergattern konnten. Dann kennt man «seine» Hebamme schon vorher und weiss, dass sie während der Geburt da sein wird.

«Meine Grossmutter erzählte mir, dass sie fünf ihrer sechs Kinder bei der Dorfhebamme daheim gebar», sagt Frösch. Es sei seit Hunderten von Jahren und bis in die 1950er-Jahre hinein verbreitet gewesen, dass man zur Hebamme ging oder diese zur Familie kam, wenn sich die Babys auf den Weg machten. Erst dann kehrte der Trend und die Geburt im klinischen Setting wurde zur Norm. In der letzten Zeit steigt die Nachfrage nach einer Betreuung durch eine vertraute Hebamme und nach einer natürlichen Geburt wieder. Zehn bis zwanzig Hausgeburten betreut die Bümplizerin pro Jahr, nochmal so viele als Zweithebamme – bei Hausgeburten sind für die letzte Phase der Geburt immer zwei Fachfrauen anwesend. Zwei bis vier «Praxisgeburten» können Frösch und Remund in Oberwangen pro Monat betreuen. Das Angebot sei seit August gut angelaufen.

Angstfreie Entscheidung
Die Bümplizerin ist mit ganzem Herzen Hebamme. «Selten spürt man das Leben so nah, wie wenn man bei einer Schwangerschaft und Geburt dabei ist», beschreibt sie ihre Faszination für den Beruf. Sie erlebe jedes Mal eine Transformation ihrer Klientinnen: Von der Frau zur Mutter. «Was die Frauen können, und wenn ein Kindlein zur Welt kommt – es ist jedes Mal wieder ein Wunder und einfach magisch.»

Umso wichtiger ist ihr, dass die Frauen sich angstfrei für den Geburtsort entscheiden. Rahel Frösch betont: «Wo das Kind zur Welt kommt, ist nicht so wichtig. Hauptsache, es stimmt für die Frauen und Paare.» In Berns Westen ist vieles möglich: Universitätsspital, Geburtshaus in Ostermundigen, Hausgeburt – und seit August die «Stöckligeburt».

Salome Guida

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