Geschichte muss geschrieben werden

Als treue Leserin oder Leser, mögen Sie sich vielleicht verwundert die Augen gerieben haben: Wie dick die «BümplizWoche» doch plötzlich ist. 48 Seiten. Und das wird ab 2023 immer so sein.

Nein, Zeitungen brauchen keinen Winterspeck, um gut durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Dennoch soll die «BümplizWoche» ab 2023 nicht mehr rank und schlank sein. Die dickere Zeitung ist ein Vorgeschmack auf das was kommen wird, ein Vorbote auf das was ändern soll und eine Vorschau auf das was daraus werden könnte.

Die Bedeutung
1926. Es dampft und raucht aus den Gassen, schwere Maschinen legen mit ihren monotonen Melodien Zeugnis der Industriealisierung ab. Eine Folge der Einbindung des ehemaligen Dorfs Bümpliz an die Stadt Bern. Im Verteilgebiet dieser Zeitung siedelten so wichtige Unternehmen wie EMCH, die im Bereich Personenlifte damals Geschichte schrieb, oder Unternehmer Christian Gfeller, dank dem der Ausbau von Strom vorangetrieben wurde, gerade rechtzeitig bevor der zweite Weltkrieg Öl und Kohle knapp werden liess. Es war jene Zeit des Aufbruchs im Westen von Bern, die förmlich danach drängte, eine eigene Zeitung zu erhalten. Die Bümpliz Woche entstand. Heute, 96 Jahre später gibt es sie noch immer. Das ist einigen Verlegern zu verdanken, welche die Traditionszeitung durch die Epochen getragen haben. Zuletzt Erwin Gross, Verleger der IMS. Nicht zufällig: der erfolgreiche Unternehmer wuchs selbst im Verteilgebiet der «BümplizWoche» auf und spürt bis heute die Verbundenheit.

Die Demut
Weitaus jünger aber der Entwicklung nicht unähnlich, entstand vor 40 Jahren in Köniz die «Dörfli-Zytig» und entwickelte sich zur «Könizer Zeitung». Sie begleitete das unvergleichliche Wachstum der Grossgemeinde Köniz und bediente gleichermassen als Brückenbauerin die ländliche Bevölkerung. Sie ist heute mit einer Auflage von 53’000 eine der grössten Zeitungen im Kanton Bern. In den vergangenen 12 Jahren zeichnete Verleger Bruno Grütter für die Geschicke der Zeitung als Inhaber der bm media AG verantwortlich. In einer Zeit, in der sich die einschlägigen Zeitungen dieser Gegend immer seltener in die Vororte und Vorhöfe der Hauptstadt wagen, wird die Bedeutung von konsequent regionalen Zeitungen immer wichtiger. Die IMS und die bm media AG haben das erkannt. Mit einer gehörigen Portion Demut darf man aus heutiger Sicht feststellen: Die «BümplizWoche» ist ein Stücklein Geschichte.

Die Partnerschaft
Sie verdient es, nicht nur am Leben erhalten, sondern entwickelt und in eine neue Zeit geführt zu werden und weiterhin als Zeitzeugin der Region zu gelten. Die beiden Verlage haben sich aus diesem Grund an einen Tisch gesetzt und mit einer Partnerschaft den Weg für die Zukunft der «BümplizWoche» geebnet. Im Jahr 2023 bleibt die IMS Besitzerin des Titels, die bm media AG wird aber mit ihrem Team die Zeitung produzieren. Von der Redaktion über die Druckvorstufe bis in den Verkauf: eine Belegschaft, die den Regionaljournalismus kennt, lebt, ja fast schon atmet. Dazu kommt ein Stab an Korrespondentinnen und Korrespondenten; eine Familie, die mit Freude die treuen Schreiberlinge aus dem Verteilgebiet der «BümplizWoche» mit auf den neuen Weg nimmt. Gelingt es, mit einem neuen Format und einigen Änderungen die «BümplizWoche» zu beleben, wird die bm media AG den Titel im Jahr 2023 kaufen und fortan eigenständig führen.

Das Handwerk
Für den Könizer Verlag ist das die dritte rein regionale Zeitung. Aus den Erfahrungen der «Könizer Zeitung | Der Sensetaler» und der «Gantrisch Zeitung» wird das Team ableiten und versuchen, das Erfolgsrezept dieser Titel auf die «BümplizWoche» zu übertragen. Konkret heisst das: die Zeitung bleibt ein Gratistitel, wird 48 Seiten dick und erscheint fortan einmal im Monat. Weniger Zeitungen, dafür mehr Inhalt – eine Erfolgsgeschichte der Könizer Zeitung und hoffentlich bald auch der «BümplizWoche». Nun stimmt das Wort «Woche» natürlich nicht mehr, weshalb der Titel im Jahr 2023 um den Buchstaben «n» ergänzt wird: «BümplizWochen». Die Rubriken werden angepasst, regionale Themen kommen dazu, gesellschaftliche, kulturelle, politische, wirtschaftliche und sportliche Inhalte erhalten mehr Platz. Das alte Handwerk des Regionaljournalismus lebt auf.

Noch dauert es ein paar Wochen, bis die «BümplizWochen» starten, aber mit dieser Ausgabe erhalten Sie einen ersten Vorgeschmack auf das kommende Jahr.

In ferner Zukunft werden vieleicht eines Tages Menschen wieder die historischen Ereignisse unserer Jahre zusammentragen. Genauso wie wir die Industrialisierung der 1920er Jahre eingangs beschrieben haben. Und diese Zeitung soll auch dann noch als Quelle und Zeitzeuge dienen. Denn Geschichte muss geschrieben werden.

Sacha Jacqueroud

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