«Ohne Kunst verlieren wir uns»

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BETHLEHEM / BÜMPLIZ – In der ehemaligen Tuchfabrik an der Fellerstrasse 11 in Bethlehem ist die Hochschule der Künste Bern HKB einquartiert. Als einer von neun Berner Standorten beherbergt er die Direktion und Verwaltung, das interdisziplinäre Y Institut und die Fachbereiche Konservierung und Restaurierung sowie Gestaltung und Kunst. Auf der Bümplizer Seite der Bahnlinie Bern-Neuenburg, an der Schwabstrasse 10, ist der Standort des HKB-Masterstudiengangs Contemporary Arts Practice angesiedelt.

Prof. Dr. Thomas Strässle ist Co-Leiter dieses Studiengangs sowie des Y Instituts. Im Interview lässt er die Lesenden in die Welt der Ästhetik eintauchen und verrät, welchen Stellenwert die Kunst für eine Gesellschaft hat.

Thomas Strässle, was bedeutet Ästhetik für Sie?
Der ursprüngliche Wortsinn von Ästhetik, «aisthesis», zeigt eine Ambivalenz: Es ist eine Form von Rezeption, von Wahrnehmung, aber auch die Lehre von den schönen Gegenständen. Die beiden Pole befruchteten sich gegenseitig. Ich bewegte mich schon immer in diesem Spannungsfeld zwischen der produzierenden Kunst und der rezeptiven, analytischen Wissenschaft. Und irgendwann merkte ich, wie wichtig die Darstellungsweise ist – die Art, wie etwas vermittelt wird. Wie kann ein Thema einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, ohne Konzessionen beim Inhalt und beim Anspruch zu machen? Ästhetik hat viel mit Stil zu tun, mit Klarheit und Schlankheit. Als Professor ermutige ich die Studierenden, ab und zu die Perspektive zu wechseln. So liess ich Germanistikstudierende zum Beispiel selbst Texte schreiben.

Auch Laien lesen Ihre Publikationen. Wie kommt das?
Ich merkte, dass ich als Kultur- und Literaturwissenschaftler Themen bearbeite, die eigentlich ein grösseres Publikum ansprechen. Es gibt einen Echoraum, der reagiert. Anders, als wenn nur Wissenschaftler wissenschaftliche Publikationen lesen. Denn mit der Art der Darstellung kann viel gemacht und einem breiteren Publikum ein Zugang ermöglicht werden. Und da sind wir wieder bei der Ästhetik: Meine Publikationen müssen möglichst klar und schlank sein. Bei jedem Fremdwort überlege ich mir, ob es nicht ein deutsches Wort dafür gibt. Ein letzter Arbeitsschritt lautet «jäten»: Jedes Wort wird darauf geprüft, ob es wirklich gebraucht wird oder nicht. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, was man vermittelt, sondern auch, wie man es tut.

Welche Rolle spielt dieser gesellschaftliche Echoraum für die Kunsthochschule?
Wir beschäftigen uns mit Fragen, die ins Zentrum der Gesellschaft hineinweisen. Nicht Schönheit, nicht künstlerische Konzepte, sondern Themen. Was heisst Wahrheit, was heisst Wahrhaftigkeit, was ist Lüge? So oft wurde den Leuten etwas vorgegaukelt. Mir gefällt an der Hochschule der Künste Bern, dass sehr viele Angestellte kleine Pensen haben. Somit haben wir eine permeable Struktur: Sie bringen alles aus ihren anderen Engagements mit rein und nehmen auch wieder vieles mit raus.

Haben Kunstschaffende einen Aussenblick oder sind sie Teil der Welt?
Bei der Kunst meint man oft, die Inspiration fliege einem im stillen Kämmerlein zu. Das ist Quatsch. Sie hat viel mit Analyse zu tun, mit Üben, mit Technik und Organisation. Um Kunst zu produzieren, ist die Rezeption von Kunst wichtig – es ist Material, mit dem man gefüttert wird, woraus man schöpfen kann. Durch die Analyse erhält man ein Traditionsbewusstsein. Kunst ist eigentlich ein grosser Verdauungsvorgang der ganzen Kulturgeschichte. Die gleichen Sachen kommen in verwandelter Form immer wieder vor. Das «Niedagewesene» ist eine neuzeitliche Idee. Man denkt, Kunst müsse etwas ganz Neues sein. Ich sehe es aber immer als einen Anschluss an etwas. Kunst und Gesellschaft befinden sich in einem ständigen Dialog. Sonst würden wir wie in Blasen nur um uns selbst kreisen. Für Kunsthochschulen ist es wichtig, dass ein ständiger Dialog zwischen der Öffentlichkeit und der Institution stattfindet. Ein öffentlicher Diskurs bringt auch einen politischen Diskurs in die Ästhetik hinein.

Also prägt Politik die Kunst?
In den letzten Jahren fand eine verstärkte Politisierung statt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Identitätspolitische Diskussionen, Antirassismus, Antisexismus, «Fridays for Future», die Aufsplittung der binären Geschlechtersysteme und vieles mehr. Auch durch die Corona-Pandemie und die Ukrainekrise haben sich die politischen Schockwellen verdichtet, was einen Eindruck auf das Klima an den Kunsthochschulen hat. Wir leben in einer Zeit, in der eine Form von Ästhetik, die sich nur um sich selbst kümmert, nicht mehr möglich ist, was vor einigen Jahren noch anders war. Die politische Funktion von Ästhetik trat in den letzten Jahren in den Vordergrund. Darum ist auch der Dialog so wichtig. Die Kunsthochschulen sind Hotspots gesellschaftlicher Diskurse, weil sie offener und weniger hierarchisch organisiert sind als Universitäten. Die Kunststudierenden sind auf einen gesellschaftlichen Echoraum angewiesen. Wir greifen das auf und versuchen immer, schnell auf Aktualitäten zu reagieren und neue Leute hineinbringen zu können. Das hält uns offen gegenüber gesellschaftlichen Strömungen und ist ein grosser Vorteil. Die Resultate zeigen sich in der Kunst, die produziert wird.

Kunst kann also etwas erklären?
Kunst ist ein Schlüssel für die Wirklichkeit. Wie sollen wir verstehen, wie man miteinander umgeht und wie man Sachen anschaut, wenn nicht über Anschauungsbeispiele aus dem Theater oder der Bildenden Kunst? Eine Bühne oder Gegenstände in Verzerrung sind Schulungen, wie wir mit der Wirklichkeit umgehen können. Wenn Kunst nicht mehr das ist, dann ist es Kitsch geworden. Dieser wiegt uns in einer heilen Scheinwirklichkeit. Dort stimmt alles, es gibt keine inneren Spannungen, keine Zweideutigkeiten. Ästhetik jedoch muss nicht schön sein, sondern muss eine Schneise schlagen, einen Spalt in die Wirklichkeit, der uns etwas aufschliesst. Denn unsere Welt ist konfliktuös, ambivalent, verschattet. Kunst führt uns in diese Realität und ermöglicht uns, sie mit anderen Sinnen wahrzunehmen, als wir es gewohnt sind. Diese Spannung zwingt uns dazu, neue Perspektiven einzunehmen, und erlaubt uns andere Blickwinkel.

Wo spielt Ästhetik in der Gesellschaft sonst noch eine Rolle?
Etwa in der Politik. Da sehen wir so viel Rhetorik und Theatralität. Wichtig sind Gestik, Mimik, die Stimme, ein dramaturgischer Spannungsbogen. Man sieht aufwändige politische Inszenierungen. Man muss sich nur Abstimmungskämpfe oder Gipfeltreffen anschauen. Heute bewundert die ganze Welt Wolodymyr Selenskyj. Dass er ursprünglich aus der Kunst kommt, hat ihm sicher geholfen.

Zum Schluss: Warum ist Kunst wichtig?
Kunst ist Selbstvergewisserung. Sie ist nicht Zutat, sondern gehört ins Zentrum einer Gesellschaft, die mit sich selbst beschäftigt ist und Aufschluss darüber erlangen möchte, wer sie eigentlich ist. Wenn es keine Kunst mehr gäbe, würden wir uns verlieren.

Salome Guida

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