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Von Irrungen und Verwirrungen

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In meiner vorletzten Kurzgeschichte habe ich davon geschrieben, wie sehr die Künstliche Intelligenz unser Leben verkompliziert. Aber oftmals braucht es dazu gar keine KI, der Mensch schafft das von allein, natürlich dank den ihm vorgeschriebenen Prozessen. Hier zwei Beispiele aus der Leserschaft, die mich nach meinem Aufruf an Sie erreicht haben. Die erste Story kommt von Anna Röthlin*, die zweite von Albert Dürig*.

In meinem Estrich sind überraschend zwei alte Mediaboxen von UPC aufgetaucht. Nun wollte ich mich telefonisch erkundigen, ob ich diese Boxen bei einem Sunrise-Shop abgeben kann, bevor ich diese schweren Dinger dorthin schleppe. Es gibt 3 Sunrise-Shops in Bern, alle mit derselben Telefonnummer, nichts also von Direktwahl. Nach dem üblichen nervigen mehrfachen «Drücken Sie die Taste…», Kontakt mit einem Mitarbeiter von Sunrise. Er: «Sprechen Sie Deutsch?» Durchaus, ja. Ich habe versucht, dem wirklich netten Mann mein Anliegen so einfach wie möglich zu erklären: «Kann ich die alten UPC-Mediaboxen im Sunrise-Shop abgeben?» Stille. Dann sein erster Tipp: «Schicken Sie die Boxen an UPC.» – « Nein, ich will sie abgeben, nicht schicken.» Zweiter Tipp: «Bringen Sie die Boxen in einen UPC-Shop.» Nach meinem spontanen Lachanfall kläre ich den Berater behutsam darüber auf, dass UPC und Sunrise fusioniert haben und es keine UPC-Shops mehr gibt. Meine Güte, diese Fusion kam wohl für die Beteiligten sehr überraschend…

Im Sunrise-Shop haben sie die Boxen anstandslos zurückgenommen. Natürlich wollten sie mir bei dieser Gelegenheit auch gleich ein neues Abo von Sunrise empfehlen, da ich noch immer UPC-Kunde bin. Um mir ein entsprechendes Angebot unterbreiten zu können, wollten sie deshalb husch im Computer nachschauen, welche UPC-Produkte ich denn genau habe. Was für eine Überraschung: Sie sahen zwar meine Daten, fanden aber weder meine Produkte, noch irgendwelche Rechnungen.

Und jetzt geht es in den ÖV. Da hat Albert Dürig seinen Rucksack mit wertvollem Inhalt vermutlich liegen lassen. Möglich ist aber auch, dass er unterwegs beklaut wurde. Was für ein Glück hat Dürig eine DiebstahlPLUS-Versicherung. Er fragt zuerst bei der Bahnpolizei, Bereich Nachforschungen, gefundene Gegenstände. Und dann geht es z’Grächtem los, mit Irrungen und Wirrungen. Fakt zum Schluss: Für die Versicherung benötigt Dürig einen ordentlichen Polizeirapport. Nur: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Dürig sucht also die Gemeindepolizei seines Wohnorts auf (Sie merken, liebe Lesende, wir sind im Kanton Freiburg), von wo aus man ihn zur Kantonspolizei schickt. Und was steht dort an die Türe geschrieben, waseliwas? «Posten geschlossen». Für Diebstähle ohne Täterverdacht könne man sich 24/7 an www.suisse-epolice.ch melden, um das entsprechende Formular auszufüllen. Formular von Dürig geöffnet. Dort sind diverse Felder wie Fotoapparat, elektronisches Gerät, Sportgerät zum Anklicken. also beginnt Dürig mit dem Anklicken, weil diverses zutrifft. Das Dumme daran: Klickt man ein Feld an und danach ein anderes, löscht es den vorherigen Eintrag, also kann nur ein Feld aktiviert werden. Da hat es immerhin noch ein Feld «Andere Gegenstände», also klickt Dürig jenes an. Und was bekommt er zu lesen? «Eine Anzeige über Suisse epolice ist für Sie nicht möglich. Bitte wenden sie sich direkt an ihre nächste Polizeistelle.» Das alles schreibt Dürig der Versicherung, vermutet aber, dass die symbolische Velokette mit dieser grossen Anstrengung reisst (Männer wissen Bescheid…) und er nicht entschädigt wird, weil er ehrlicherweise offen lässt, ob der Rucksack vergessen oder gestohlen wurde. Ausgang ungewiss, aber man(n) kann sich ja irren.

Überhaupt scheint Dürig ein Pächvögeli zu sein. Seine Steuerverwaltung hat ihm die freiwilligen Zuwendungen  – die er seit bald 20 Jahren unverändert eingibt -, plötzlich gestrichen. Den Grund habe man ihm vor einem Jahr bereits schriftlich mitgeteilt. Nur gibt es offenbar keine Kopie dieses Schreibens.

Und auch mit seiner Krankenkasse hat er ein Intermezzo, indem die Rechnungen immer prompt kommen, die Vergütungen aber monatelang nicht. Dürig ist hier mit seinem Problem nicht allein. Ich selber bin bei der gleichen Kasse registriert und erlebe Ähnliches. Ein Brief mit Belegen, der angeblich nicht angekommen ist, wie sich nach Rückfrage mehrere Wochen später ergibt. Also geht die «Chose» zum zweiten Mal nach Bern. Echo, nach einer weiteren Rückfrage meinerseits: «Bitte schicken Sie uns das in Frage stehende Dokument zu». Wenn ich es mir richtig überlege: Solche Intermezzi gehören zwingend in die Werbung für kranke Kassen, diese Episoden haben echten Unterhaltungswert. Der Alltag der Versicherer ist ja trist genug.

Thomas Bornhauser

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