Wenn Fische einen
Lift benützen

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Seit einem Jahr können Forellen und Barben die Aare aufwärts bis in den Wohlensee wandern. Möglich macht dies der neu installierte Fischlift beim Wasserkraftwerk Mühleberg. Mit ausgeklügeltem System werden die Fische so über das 22m hohe Wehr transportiert.

Am Fuss des Gitterschachts, in einer geräumigen Metallwanne, schwänzelt ein kleiner Fisch im kühlen Aarewasser. Es ruckelt, leise schliesst sich die Klappe und los gehts. Langsam steigt die Wanne nach oben. Tropfen stieben in alle Richtungen. Der winzige Passagier lässt sich weder von Höhe noch Bewegung stören. Mit einem weiteren Ruck kommt der Lift nach kurzer Fahrt zum Stehen. Die Liftkabine kippt zur Seite. Es plätschert, gurgelt, rauscht und schäumt und schon saust der Minifisch mitsamt dem Wanneninhalt durch eine grosse Röhre direkt in den Wohlensee.

Hindernis Wasserkraftwerk
Was der beobachtete Winzling tut, schafften im letzten Jahr auch zahlreiche weitere Fische. Sie alle wollen stromaufwärts, um zu laichen, Nahrung zu suchen oder neue Lebensräume zu finden. Bislang endete die Reise am unteren Ende des Wehrs. 22m hoch ist die Staumauer, die den See hier zurückhält, um seit gut einem Jahrhundert mit Wasserkraft Strom zu gewinnen. Mit dem revidierten Gewässerschutzgesetz von 2011 müssen die Kantone negative Auswirkungen der Wasserkraftnutzung reduzieren. Konkret sind sie unter anderem verpflichtet, Beeinträchtigungen durch Schwall und Sunk zu beseitigen, ökologische Sanierungsmassnahmen umzusetzen und die Fischgängigkeit zu verbessern. Die Kosten von rund acht Mio. Franken übernehmen die Stromkonsumentinnen und -konsumenten durch die Abgabe von 0.1 Rappen pro Kilowattstunde. Die BKW setzt so insgesamt 41 Massnahmen um, 16 davon betreffen den Fischaufstieg. Optimiert wird an Aare, Simme, Kander und Emme.

Pionierlösung Fischlift
Das Wasserkraftwerk Mühleberg für Fische überwindbar zu machen, stellte das Projektteam, bestehend aus Vertretenden des Bundesamts für Umwelt, des Kantons und der BKW vor eine knifflige Aufgabe. In enger Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Fischbiologinnen sowie in stetem Austausch mit einer Begleitgruppe aus NGOs, Umwelt- und Fischereiverbänden prüfte man mehrere Optionen und näherte sich Schritt für Schritt einer passenden Lösung. Mit dem Fischlift hat man sie gefunden, umgesetzt und vor einem Jahr in Betrieb genommen. «Grundsätzlich will der Fisch immer gegen den Strom. Dadurch kam er bislang bis zur Turbine und drehte ab, da es nicht weiterging», erklärt Projektleiter Paul Kauz die Anlage. Mit einer sogenannten Lockströmung lenkt man die Fische nun von den Turbinen weg in zwei Kanäle. Dort können die Fische von Becken zu Becken gegen die Strömung wandern und werden so in die Liftwanne geführt. Eine Reuse verhindert, dass die Fische im ruhigen Wasser der Wanne ihre Suche nach einer Passage aufgeben und umdrehen. Zweimal pro Stunde fährt der Lift nach oben und spült seine Fracht in den Wohlensee. Was simpel klingt, war in der Umsetzung herausfordernd. So musste etwa die Stärke der Lockströmung angepasst werden. Auch das Gewicht der mit Wasser gefüllten Wanne oder der Ausstieg in den See verlangten Justierungen. Nach einem Jahr in Betrieb steht nun aber fest: Der Lift funktioniert und wird von den Fischen rege genutzt.

Biologische Kontrolle 2023
Abgeschlossen ist das Projekt indes noch nicht. Nachdem die technische Kontrolle beendet ist, geht es 2023 in die nächste spannende Projektphase: die zweijährige biologische Kontrolle. Diese soll zeigen, wie genau die Fische den Lift nutzen. Im ersten Jahr werden sie in einem grossen Becken kurz zurückbehalten und mit Unterstützung eines Fischereivereins täglich gezählt, gemessen, nach Art bestimmt und in den Wohlensee zurückgegeben. Im zweiten Jahr liegt der Fokus dann auf der Bewegung: Welche Fische wandern wann, wo und wie weit. Im Zählbecken in Niederried etwas unterhalb von Mühleberg werden die Fische zu diesem Zweck mit einem passiven Sender gechippt, so dass ab da die weitere Wanderbewegung verfolgt werden kann. Fische wie die Barbe oder die Seeforelle wandern von zirka April bis November täglich, mit Vorliebe in der Nacht. «Man hat viel Basiswissen zur Fischwanderung», ist Paul Kauz überzeugt. Mit weiteren Erkenntnissen könnten aber die Abläufe auch künftig verbessert und für die Fische langfristig optimiert werden.

Abstieg noch nicht gelöst
Der Fischlift funktioniert als Einbahnstrasse. Der Abstieg hingegen ist für die Fische noch nicht optimal. Aktuell führt der direkte Weg flussabwärts über die Schleusen oder gar durch die Turbinen, was für Fische tödlich enden kann. Genaue Zahlen fehlen jedoch. Gemäss Paul Kauz ist sich die BKW des Problems bewusst. Bisherige Ansätze seien oft noch zu teuer und in der Umsetzung zu aufwändig, wie Pilotprojekte zeigen würden. «Der Fischabstieg in mittleren und grösseren Flüssen ist weltweit noch in der Forschung», erklärt Paul Kauz, «aber wir hoffen natürlich, dass man bald Lösungen findet.» Hoffnungen setzt er vor allem auf neues Wissen der Verhaltensbiologie. Wenn man weiss, wann die Fische absteigen, könnte der Betrieb des Kraftwerks entsprechend reagieren, etwa durch die Erhöhung der Wassermenge, welche die Schleuse passiert. Für den Moment liegt der Fokus noch auf dem Aufstieg. Und hier ist die Zwischenbilanz vielversprechend. Der Lift funktioniert und die Fische finden den Weg.

Chrige Pfanner

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