Max Werren

Die Brunnenskulptur auf dem Friedhof Bümpliz. Max Werren

Blumengiessen auf dem Friedhof

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Die Wasserversorgung in Bümpliz machte in der trockenen Jahreszeit regelmässig Probleme. Findige Köpfe fanden derweil immer eine Lösung.

Der Bümplizer Friedhof bildete die erste öffentliche Anlage des ehemaligen Dorfes und stand unter Aufsicht des Gemeinderates. Verantwortlich für die Pflege war der nebenamtliche Sigrist, der gleichzeitig auch die Funktion des Totengräbers ausübte. Seine Arbeit wurde in der Bevölkerung geschätzt, wenn auch gelegentlich durch überspitzte Forderungen erschwert. So wies ihn der Gemeinderat 1897 zu folgenden Verhaltensregeln an:

«Er soll dafür sorgen, dass in Zukunft beim Gräberreinigen mehr Ordnung herrsche und Beschädigungen der Anlagen durch Kinder nicht mehr vorkommen. Er soll brieflich angewiesen werden, den Schlüssel zum Friedhof wenn möglich nur älteren Personen auszuhändigen!»

Die Vegetation im Sommer 1897 litt im Übrigen einmal mehr unter der Trockenheit. Auf dem Friedhof fehlte das Wasser für das Giessen der Blumen. An der Erstellung einer Wasserleitung war bei der gespannten Lage der Gemeindekasse nicht zu denken. Man behalf sich mit einem Provisorium, indem man unter die Dachtraufe der Friedhofshalle zwei Fässer für das Regenwasser aufstellte. Indes, es regnete praktisch nie!

Nun befand sich unweit des Friedhofs ein Sodbrunnen. Er gehörte Gottfried Gfeller, Zimmermeister und nebenamtlicher Totengräber, an der Bottigenstrasse. In Ermangelung anderer Gelegenheit, konnten die Friedhofsbesucherinnen und -besucher im Vorbeigehen ihre mitgebrachten Giesskannen füllen. Der Besitzer des Brunnens duldete diese Gewohnheit stillschweigend.

Nun aber benützten seine Ehefrau sowie ihre Nachbarin, Frau Begert, den Friedhofweg als Standort für ihre Wäschetröckne. Das wiederum gefiel dem Gemeinderat nicht. Er liess den Familien Gfeller und Begert eine Mahnung zukommen, worin sie ersucht wurden, den öffentlichen Weg freizugeben und ihre Wäsche woanders zu trocknen. Auf diesen behördlichen Rüffel reagierte Gfeller mit Empörung und dem Hinweis, dass ab sofort kein Wasser mehr aus seinem Sodbrunnen geschöpft werden dürfe!

Der Gemeinderat erkannte, dass ihm hier ein Problem entstanden war. Er erteilte dem Leitungsbauer Brunschwyler, der die erste Wasserversorgung von Bümpliz baute, den Auftrag für eine Erweiterung des Wassernetzes mit Anschluss an den Friedhof. Ein diesbezüglicher Kostenvoranschlag fand bei den Behörden aber keine Zustimmung und die Blumenpflege auf dem Friedhof verlief nach dem Prinzip Hoffnung auf Regen. In der Bevölkerung regte sich Unwillen über diesen Zustand und so erhielt die Friedhofskommission den Auftrag, Gottfried Gfeller anzufragen, zu welchen Bedingungen aus seinem Brunnen Wasser für das Begiessen der Gräber entnommen werden könne. Man einigte sich, dass ihm für die Nutzung des Brunnens jährlich fünf Franken sowie die Kosten für den Unterhalt vergütet wurden.

Die Lösung konnte nur vorübergehend befriedigen und das Projekt Brunschwyler kam wieder zur Sprache. Der Auftrag zur Erschliessung des Friedhofs wurde schlussendlich erteilt und ab Frühling 1904 spendete der erste Friedhofbrunnen das begehrte Nass.

Gottfried Gfeller – ganz offensichtlich ein pfiffiger Rechner – verspürte nun deutlichen Aufwind. Ende Dezember 1901 wandte er sich an den Gemeinderat mit dem Anliegen, ihm sein 30-jähriges Jubiläum als Totengräber mit einer Gratifikation zu versüssen. Genau genommen waren es allerdings erst 27 Jahre seit seiner Ernennung. Die Behörden übersahen in wohlwollender Weise den Schwindel und liessen ihm auf Neujahr den Betrag von zwanzig Franken ausrichten. Man war allseits mit ihm zufrieden und erkannte, dass ohne sein Verhandlungsgeschick den Blumen auf dem Friedhof wohl noch längere Zeit eine Erfrischung gefehlt hätte.

Der Autor

Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Orts-archivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».

Otto Wenger leitet das Quartierzentrum im Tscharnergut und hat die neuen Laternen erfunden. Fotos: Andreas von Gunten
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Vorweihnachten im Dorf namens Bethlehem

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Bethlehem, das ist der Ort, der für Juden, Christen und Moslems eine besondere Bedeutung hat. Auch für Bern spielt das Quartier im Nord-Westen mit dem berühmten Namen eine wichtige Rolle.

Warum ein Quartier in Bern ausgerechnet Bethlehem heisst, darüber ranken sich viele Mythen und Legenden. Gar schön ist die Vorstellung eines mittelalterlichen Prozessionsweges von Jerusalem (bei der Endstation des Bümplizer Trams) über Bethlehem nach dem Jordan(weiher). Dummerweise gibt es für diesen Ort noch die keltische Deutung des Heims von Bertold, Bertel oder Betel. Abschliessend geklärt ist die Sache allerdings nicht. Das Siedlungsbild der Herrschaft Bümpliz weist bereits um 1500 die bestehende Dreiteilung Bümpliz mit Kirche und Dorfzentrum, Mühledorf mit Altem und Neuem Schloss sowie Bethlehem mit Neuhaus und Brünnengut aus. Während sich das Kirchenviertel in Bümpliz zu einem Bauerndorf entwickelte, behielten die übrigen Siedlungen den Charakter von Weilern. In Bethlehem entstanden im 18. und 19. Jahrhundert entlang der Bümplizstrasse eine Reihe von Wohnhäusern, Gewerbebauten sowie zwei Gasthäuser. Weitere Neubauten folgten dem Lauf der Murtenstrasse sowie am Garbenweg und Messerliweg. Gegen Ende des 2. Weltkriegs schuf das Architektenehepaar Gret und Hans Reinhard für die Siedlungsgenossenschaft der Holzarbeiter und der Zimmerleute auf dem Bethlehemacker eine Reihenhaussiedlung, bestehend aus 143 mehrheitlich zweistöckigen Einfamilienhäusern. Ab 1956 erhielt das Quartier erstmals den Charakter einer modernen Hochhaussiedlung: Auf dem Areal des ehemaligen Neuhausgutes stehen die ersten im Westen Berns errichteten «Wolkenkratzer». 

Es entstand ein Dorf
1949 erwarb die Stadt Bern das ehemalige Landgut der Berner Patrizierfamilie von Tscharner. Wohnungsknappheit war der ausschlaggebende Grund, das bisher landwirtschaftlich genutzte Gebiet zu überbauen. 1955 führte die Stadt einen Wettbewerb durch, den die Architekten Lienhard & Strasser gewannen. Die in jeder Hinsicht vorbildliche Zusammenarbeit mit der Stadt ergab nicht nur eine für diese Zeit visionäre Siedlung, sondern zahlreiche – für ein Dorf elementare – Zentrumsbauten. So entstanden ein Dorfplatz mit Einkaufszentrum und Restaurant, Schulen und Kindergarten, eine Bibliothek, Freizeit-Werkstätten, ein Postbüro, ein kleiner Tierpark und vieles mehr. Das Quartierzentrum im Tscharnergut gilt heute als zentraler Angelpunkt für das gesellschaftliche und kulturelle Leben von Bethlehem.

Vorweihnachtsstimmung im Quartierzentrum
Bereits 1961 entstanden in den Freizeitwerkstätten des Zentrums die ersten Weihnachtslaternen. Die Hüllen aus schwarzem Karton und farbigem Seidenpapier, welche Szenen aus der Weihnachtsgeschichte wurden über die Lichtkandelaber entlang der Waldmannstrasse gestülpt und vermittelten dadurch eine vorweihnächtliche Stimmung. Als die Stadt die Beleuchtungskörper durch zeitgemässe Lampen ersetzte, die nicht ummantelt werden konnten, entwickelte der heutige Leiter des Quartierzentrums, Otto Wenger, eine neue Form der Laternen. Vier Kuben mit je 52 farbigen, beleuchteten Fenstern stehen seit 27. November bis Ende Jahr bei der Kirche Bethlehem, dem Dorfplatz Gäbelbach, dem Dorfplatz Tscharnergut und dem Treffpunkt Untermatt. Kinder und gelegentlich auch Erwachsene beziehen das Material für die Bilder im Quartierzentrum Tscharnergut, im Treffpunkt Untermatt oder in der Bibliothek Gäbelbach. Die Künstlerinnen und Künstler werden zum Auftakt der Aktion an einem Laternenfest mit Glühmost und einem Geschenk belohnt.

Die Sonderpoststelle
Einmal im Jahr gerät ein kleines, temporäres Postbüro ins Fadenkreuz der Philatelisten und Liebhaber von Weihnachtsbriefmarken und der dazu passenden Umschläge. Die Sonderpoststelle Bethlehem! Bereits 1956 verbreitete die damalige PTT den Namen des Stadtteils Bethlehem mit einem speziellen Weihnachtsstempel in alle Welt. Während der anschliessenden Jahre fand ein Extra-Schalter im Schulhaus Bethlehemacker, dann ein Oldtimer-Postauto grossen Zulauf. Ab 1980 gestalteten für lange Zeit die einheimischen Grafiker Paul Sollberger und Thomas Uehlinger die ersten Weihnachts-Briefmarken. Seit 2002 beherbergt das Quartierzentrum im Tscharnergut den Verkaufsstand. Am 9. und 10. Dezember 2021 fanden sich zahlreiche Interessierte vor Ort ein, um Weihnachtsbriefmarken mit dem Sonderstempel «Bethlehem» zu kaufen. Leider gerät die sympathische und einmalige Werbeplattform der Post ins Visier der Sparbemühungen. Dank dem Einsatz und dem Votum der Bevölkerung konnte das Quartierzentrum eine Wegrationalisierung bislang verhindern. 

Vom Dorf und seinen Multikultis
Obschon Vorweihnachten und insbesondere das eigentliche Weihnachtsfest einer christlichen Tradition zu Grunde liegt, spricht kein Mensch in Bethlehem von einer Ausgrenzung nicht-christlicher Mitmenschen. Im Gegenteil bilden die gemeinsamen Vorarbeiten für weihnachtliche Anlässe immer wieder Gelegenheit für Kontakte untereinander, bei denen die Religionszugehörigkeit und der kulturelle Hintergrund ganz offensichtlich keine Rolle spielen. Für Aussenstehende kaum nachvollziehbar: Die friedliche Vorweihnachtsstimmung wird in bester Manier beeinflusst durch das dörfliche Zusammenleben und des Respekts gegenüber den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern.

Die Sonderpoststelle in Bethlehem ist seit Jahren bei der Bevölkerung beliebt.

Bäckerei Rotschi an der Bernstrasse. Aufnahme um 1925. Fotos: zvg
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Ein Rückblick auf den Bümplizer Gewerbeverein

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Vor über 100 Jahren wurde der heutige Gewerbeverein KMU Bern West gegründet. Erster und langjähriger Präsident war der legendäre Pfarrer, spätere Drucker, Verleger und Kunstförderer Albert Benteli. Ein Einblick in die Vorstandsprotokolle hält wichtige, aber auch amüsante Entscheide und Begebenheiten fest.

Die Gründerjahre, der 1. Weltkrieg und das Tram

Die Bemühungen zur Wahrung der Interessen der Vereinsmitglieder betrafen insbesondere die Bautätigkeit. Immer wieder wird die mangelnde Kompetenz des Gemeinderates der damals selbständigen Gemeinde Bümpliz angezweifelt. Kleinkriege zwischen Bauunternehmer und Bauinspektor über die Mauerdicke bei Neubauten beherrschten die Diskussionen. Wichtige Projekte, wie die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, wurden wegen den langandauernden Fusionsverhandlungen mit der Stadt Bern auf die lange Bank geschoben. Der Gemeinderat reagierte einige Male sehr unwirsch auf Kritik und verbat sich jegliche Einmischung in die Tagespolitik. 

In regelmässigen Abständen setzte sich der Vorstand für den Bau einer Tramlinie nach Bümpliz ein. Im Protokoll der Versammlung vom 16. August 1912 wird festgehalten: «Der tit. Gemeinderat soll nochmals eingeladen werden, sich der Tramfrage energisch anzunehmen und nötigenfalls eine Volksversammlung zu veranstalten.»

Viehmarkt und Weiterbildung

An der Hauptversammlung vom 1. September 1919 beschlossen die Anwesenden, es sei in einer Eingabe an die Behörden der Stadt Bern die Errichtung einer Badeanstalt in Bümpliz zu verlangen. Da diese Forderung offensichtlich nicht erste Priorität der Bümplizerinnen und Bümplizer genoss, wandte sich das Interesse der Schaffung eines Bümplizer Viehmarktplatzes zu. Bis in die späten 1920er Jahre fand der Grossviehmarkt am Klösterlistutz beim Bärengraben statt – ein Standort, der für die Bümplizer Bauern und Metzger unvorteilhaft war. Der Vorstand setzte eine 13-köpfige Kommission ein, die dem anfänglichen Widerstand der städtischen Behörde entgegenwirkte. Am 22. April 1927 konnte der erste Viehmarkt, ergänzt durch einen Warenmarkt, auf dem heutigen Chilbiplatz durchgeführt werden. 

Der Vorstand bemühte sich immer wieder, seinen Mitgliedern Weiterbildungskurse anzubieten. Leider stiessen diese Angebote wie Buchhaltungskurse, Referentenkurse, Hilfe zum Ausfüllen der Steuererklärungen etc. auf ein geringes Interesse. In dieser Situation befand der Vorstand, regelmässige Vorträge zur Erweiterung des Allgemeinwissens einzuführen. Und so kam es, dass Veranstaltungen mit dem Titel «Was heisst Weltuntergang?» (Prof. Dr. Mauderli), «Traum, Hypnose und sog. Geheimwissenschaften» (PD Dr. von Ries) oder «Nordamerikanisches Wirtschaftsleben» (Prof. Dr. Schöffler) angeboten wurden. An der Hauptversammlung vom 8. März 1928 gab der Präsident O. Weiss freimütig folgendes zu Protokoll: «Die Vorträge wachsen je länger je mehr zu einem Fiasko aus.»

Dass es auch andere, weitaus beliebtere Weiterbildungsanlässe gab, zeigt das Beispiel eines Ausflugs nach Biberist und Attisholz und der Besichtigung der Papier- bzw. Cellulosefabrik. Nicht weniger als acht Mal wurde auf der Reise in Gasthäusern eingekehrt. Aus dem lustvoll verfassten Bericht des Sekretärs H. Maier-Keller ein kurzes Zitat: «Vor einem Restaurant angelangt, sprach einer von Afrika. Alle bekamen Durst.» Selbstredend erfolgte die Reise mit Privatwagen – die Promillekontrolle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden!

 

Der 2. Weltkrieg, die Migros und die Frauen

Der Vereinsausflug vom 31. August 1939 wurde im Wissen über einen drohenden  Kriegsausbruch nach eingehender Diskussion trotzdem durchgeführt. Trotz vordergründig aufgeräumter Stimmung war jedem Teilnehmer klar, dass er möglicherweise bereits am nächsten Tag zum Militärdienst einberufen werden konnte. Und genau dies war der Fall: Am folgenden Morgen, dem 1. September um 04.45 Uhr, erfolgte der Überfall deutscher Truppen auf Polen. Der Bundesrat ordnete gleichentags die Generalmobilmachung der Armee an und der Grossteil der Bümplizer Gewerbetreibenden musste den gewohnten Arbeitsplatz verlassen; in die Lücke sprangen pensionierte Berufsleute, insbesondere aber Frauen.

1944 tauchte zum ersten Mal das Gerücht auf, die Migros wolle in Bümpliz eine Filiale eröffnen. Sofort formte sich Widerstand gegen dieses Ansinnen. Verkaufswillige Landbesitzer wurden kontaktiert und auf die negativen Folgen für Detailhändler – damals noch Spezierer genannt – aufmerksam gemacht. Der Schweizerische Gewerbeverband schloss mit dem Migros-Genossenschafts-Bund eine Vereinbarung ab, die für das Jahr 1945 gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Eröffnung neuer Filialen vorsah. Trotzdem konnte die Migros am Buchdruckerweg seine erste Bümplizer Filiale eröffnen. Der Gewerbeverein ermahnte die (männlichen) Mitglieder, den Ehefrauen den Zutritt zu diesem Laden zu verbieten, was diese – unter dem Druck der krisenbedingt mageren Haushaltskassen – mehrheitlich ignorierten. 

Die Zentrumsplanung wird umgesetzt und das Tram erreicht Bümpliz/Bethlehem 

Nach zehnjährigem Schweigen über die Zentrumsplanung Bümpliz überraschte der Gemeinderat die Bevölkerung 1981 mit der Mitteilung, dass die Grundlagen für eine «teilweise bauliche Neuordnung des bestehenden Ortskerns im Sinne eines massstäblichen und attraktiven Zentrums für das Quartier Bümpliz» geschaffen und von einer Expertenkommission abgesegnet worden seien. Hinter der vagen Formulierung stand im Wesentlichen die feste Absicht, an der Ecke Bernstrasse/Brünnenstrasse ein Coop-Zentrum zu errichten. Die Abstimmungsvorlage sprach davon, «dass die charakteristische bauliche Struktur grundsätzlich erhalten werden soll». Es stellte sich nachträglich heraus, dass der Abriss des historisch bedeutenden Pfarrhauses und der Pfrundscheune an der Bottigenstrasse bereits beschlossene Sache war. Eine persönliche Orientierung der Bewohnerinnen und Bewohner von Bümpliz fand nicht statt. Zwei Tage vor der Abstimmung wurden die direktbetroffenen Liegenschaftsbesitzer und Gewerbetreibenden von den städtischen Behörden zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. 

Im gleichen Jahr referierte der ehrenamtlich tätige Ortsarchivar Paul Loeliger an der Hauptversammlung des Gewerbevereins zum Thema «Alt-Bümpliz». Die Organisatoren belohnten ihn freundlicherweise mit der Übernahme der Kosten für den Kaffee. Im Anschluss an die Versammlung genehmigten sich die Vorstandsmitglieder eine Flasche Gevrey-Chambertin sowie zwei Flaschen Ballantine Whisky. Es findet sich kein Hinweis, dass der Referent auch eingeladen wurde!

Am 10. April 2008 erfolgte der offizielle Spatenstich für die neue Linienführung des Trams nach Bümpliz und Bethlehem. Der Gewerbeverein sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass der Besuch von Fachgeschäften im Stadtzentrum damit erleichtert und diese Sparte mittelfristig aus dem Stadtteil VI verschwinden wird. 

2009 feierte der Gewerbeverein HGV seinen hundertsten Geburtstag und gibt sich gleichzeitig einen neuen Namen – KMU Bern West. Der mit der Chronik beauftragte Lokalhistoriker Max Werren macht die unliebsame Entdeckung, dass das Gründungsdatum möglicherweise zwei Jahre früher lag. Der Vorstand beschloss angesichts der dünnen Beweislage auf Beharren an der mündlich überlieferten Geschichtsforschung. Frei nach dem Motto «mir wei nid grüble».

Drogerie und Sanitätsgeschäft Fritz Gurtner an der Bümplizstrasse 153. Aufnahme um 1918.

Von rarem Wasser in Bümpliz

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Die Bewässerung von Kulturland in Bümpliz war bis Mitte des 20. Jahrhunderts während den niederschlagsarmen Sommermonaten häufig nicht gewährleistet. Einer der Gründe lag darin, dass aus dem Stadtbach kein Wasser entnommen werden durfte. 

Die «Verstaatlichung» des Stadtbachs im 12. Jahrhundert

Vor der Gründung der Stadt Bern im Jahre 1191 mündete der heutige Stadtbach in die Senke zwischen Veielihubel und Engländerhubel beim heutigen Lohryplatz in den Sulgenbach und von dort via Sulgenau in die Aare. Als Bestandteil der umsichtigen Stadtplanung beanspruchten die zähringischen Landesherren das Wasser aus dem vom Wangental her fliessenden Bach und bauten zu diesem Zweck einen künstlichen Kanal, der sich bereits auf der Höhe von Bethlehem vom ursprünglichen Lauf absonderte. Damit folgten sie einem Prinzip, das ihnen beim Bau früherer Siedlungen – so zum Beispiel in Freiburg im Breisgau – sehr zustattenkam: Eine Wasserspeisung für das sogenannte Brauchwasser, das heisst der Versorgung der Brunnen und des Abwassersystems. Während in Freiburg die «Bächle» noch heute oberirdisch in schmalen Kanälen quer durch die Altstadt fliessen, verläuft der Stadtbach in Bern mehrheitlich unter dem Boden. Als sichtbaren Nutzen des Wassers erleben flanierende Besucherinnen und Besucher der Hauptgassen in erster Linie die historischen Stockbrunnen, die bis ins späte 19. Jahrhundert den Frauen als Wäschetrog dienten. Weitgehend unbeachtet ist indes eine zweite Funktion, die bis heute einen unentbehrlichen Dienst leistet: Die Ehgräben, ein Kloakensystem, das sich vom seinerzeitigen Christoffelturm bis hinunter in die Nydegg über die gesamten Altstadt erstreckt. Eine klug ausgetüftelte Abfolge von Schiebern ermöglicht eine Durchflutung der unterirdischen Kanäle, die sich in der Mitte unter den Gebäuden, jeweils zwischen zwei Strassenzügen befinden. Seit 1967 fliesst das Abwasser nicht mehr ungereinigt in die Aare, sondern über einen mächtigen Stollen in die ARA Bern-Neubrück. Eine weitere Funktion dieses wichtigen Wasserlaufs war der Antrieb der Wasserräder für die auf städtischem Boden befindlichen Getreidemühlen.

Rigorose Vorschriften

Angesichts der enormen Bedeutung dieser Wasserzufuhr war es naheliegend, dass die Stadt peinlich genau darauf achtete, dass dem Stadtbach bis zum definitiven Eintritt ins eigentliche Stadtgebiet kein Wasser entzogen wurde. Dem auf Landwirtschaft ausgerichteten Dorf Bümpliz und dem Wangental wurde dies insbesondere in den trockenen Sommermonaten immer wieder zum Verhängnis. Missbräuche waren an der Tagesordnung und wurden schwer bestraft. Die Obrigkeit setzte bereits im Mittelalter Kanalinspektoren ein, die unter anderem auch illegale Abflüsse entdecken mussten. Im Wangental gruben findige Landeigentümer an Hanglagen eigene Quellen, die indes nach Rechtsauffassung der städtischen Behörden als natürliche Zuflüsse für den Stadtbach galten und demzufolge nicht privat genutzt werden durften. 

Im Gegenzug war das Dorf Bümpliz für den Unterhalt und insbesondere für die Uferverbauung des Bachs verantwortlich. Um der Verunreinigung entgegenzuwirken, war das Pflügen nur bis auf zwei Meter Distanz zum Wasser erlaubt. Fischen war verboten. Als besondere Zumutung empfanden die Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Gebiete im Bereich der Murtenstrasse aber eine Massnahme, die als reine Schikane angesehen wurde: Bei Hochwasser wurde die Schleuse im Bereich der heutigen Verzweigung Murtenstrasse/Untermattweg abgesenkt und ein Teil des Wassers ergoss sich in die Senke Untermatt/Ziegelacker. Damit wurde verhindert, dass an den Mühlerädern und in den Ehgräben der Stadt Schäden entstanden. 

Verständlich, dass dies dem Verhältnis zwischen Bern und Bümpliz nicht zuträglich war. Der verbotene Holzschlag und der immer wieder geahndete Frevel in den staatseigenen Wäldern Könizberg-, Bremgartenwald und Forst trug das Seine dazu bei. An Versammlungen im Gasthof Sternen erhoben wütende Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme – in der Regel ohne eine ernsthafte Resonanz seitens der Stadt. Nach solchen tumultartigen Anlässen mit kräftigem Biergenuss begaben sich die Männer in der Regel nach draussen, um sich am offenen Stadtbach ihres Wassers zu entledigen. Immer in der insgeheimen Hoffnung, ein kleiner Rest davon möge am nächsten Morgen in der Wäsche an den Stockbrunnen der Stadt seinen Niederschlag finden.

Bauer Schwab und das Marzilibähnli

Am 18. Juli 1885 nahm in Bern die kürzeste öffentliche Standseilbahn der Schweiz den Betrieb auf. Es ist die Marzilibahn vom Marziliquartier an der Aare hinauf zum Bundeshaus-West. Das Bähnli überwindet auf der 105 Meter langen Fahrt 31 Höhenmeter. Bis ins Jahr 1974 war die Marzilibahn eine sogenannte Wasserballastbahn. Oben wurde ein Tank unter der Passagierzelle mit Wasser gefüllt. Der hinab fahrende Wagen zog durch sein Gewicht den aufwärts fahrenden Wagen nach oben. Die Wasserzufuhr von der Spitalgasse hin zur Bergstation erfolgte über einen Seitenkanal, der mit Wasser vom Stadtbach alimentiert wurde. Soweit die Vorgeschichte.

Der Kriegssommer 1942 war wieder einer dieser niederschlagarmen Perioden, die die Bauern, welche nicht über eigene Quellen verfügten, zur Verzweiflung trieben. Teile des Viehbestandes mussten notgeschlachtet werden, weil das Futter fehlte. Bereits im August fielen die Äpfel von den Bäumen. Zudem waren viele Bauern immer wieder im Aktivdienst und die Ehefrauen samt den Angehörigen kümmerten sich um den Betrieb. Der Bauernbetrieb Schwabgut, im Bereich der heutigen Normannenstrasse/Schwabstrasse gelegen, wurde in dieser Zeit von zwei Gebrüdern betrieben. Ihre Mutter hatte das Land aus einer Notsituation 1903 der Burgergemeinde verkauft und auch die beiden Söhne mussten als Pächter immer wieder finanzielle Einbussen hinnehmen. Der Anblick der zunehmend gelben Felder sowie der dürren Äste in der Hostert verleitete sie zu einer Tat, die sie noch bereuen mussten: Der Stadtbach, der nahe an ihrem Hof vorbeiführte und in einem etwas höher gelegenen Kanal floss, bot sich gewissermassen für eine Notbewässerung an. Und so gruben sie im seitlichen Erdreich eine Abzweigung und liessen das Wasser während den Nachtstunden in die Mulde beim Obstgarten fliessen. So quasi eine Variante der Suonen im Wallis.

Was ihnen Freude und wieder etwas Lebensmut einbrachte, blieb den aufmerksamen Kanalinspektoren des Städtischen Tiefbauamtes allerdings nicht verborgen. Das spriessende Gras und die wieder genesenen Obstbäume des Schwabgutes weckten ihren detektivischen Scharfsinn und ihre Ermittlungen am Tatort ergaben ein klares Bild: Ein notdürftig abgedecktes Rinnsal schmälerte den Fluss des Stadtbachs und damit den Betrieb des Marzilibähnchens.

Kabine des alten Marzilibähnchens. Foto: Max Werren

Eine Busse mit seltsamer Begründung

Es war klar, dass dieser unglaubliche Frevel geahndet werden musste. Allerdings wurde die Zuflussmenge des Ehgrabensystems kaum tangiert und auch die Brunnen an der Hauptachse der Innenstadt flossen immer noch. Was indes unter mangelndem Wasser litt, war der Seitenkanal von der Spitalgasse an die Bergstation des Marzilibähnchens, was zur Folge hatte, dass der Wasserkasten unter der Passagierkabine nur noch nach grösseren Pausen gefüllt werden konnte. Der Fahrplan des Marzilibähnchens musste ausgedünnt werden. Und dies in einem Sommermonat, wo sonnenhungrige Badegäste die Frequenzen in schwindelerregende Höhe trieben und die Wagenführer ausnahmsweise ihre Krawatte und ihren Hut ablegen durften.

Und so kam es, dass die Gebrüder Schwab ins Register der Kriminellen aufgenommen wurden. Sie wurden mit einer erheblichen Busse bestraft. Die Begründung lautete:

Gefährdung des öffentlichen Verkehrs durch mutwillige Minderung der Energiezufuhr für die Standseilbahn Marzili Bern.

DER AUTOR
Max Werren
ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz». 

Die Untermatt – Heimat der gelben Autos

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Das Untermattquartier weist neben dem Galgenfeld im Osten der Stadt Bern die grösste zusammenhängende Fläche für Gewerbebauten auf. Einer der ersten und zugleich grössten Betriebe war die ehemalige Automobilwerkstätte PTT. Die gelben Fahrzeuge, insbesondere die Postautos, prägten über 80 Jahre das Bild des Quartiers.

Von den Ursprüngen des Postautodienstes 

Die drei Schweizer Firmen Saurer, Berna und Martini lieferten 1906 je ein Fahrzeug für den ersten fahrplanmässigen Automobil-Postkurs zwischen Bern und Detligen. Gemeinsam waren diesen Pionierfahrzeugen der Innenraum – zwei plüschbezogene Längsbänke mit einem Sitzangebot von 14 Plätzen – sowie ein Motorenlärm, der die Ankunft der Autos lange vor dem Eintreffen ankündigte. Dagegen waren die defektanfälligen Vehikel nicht einmal mit gleich grossen Rädern ausgerüstet, was den Unterhalt und die Störungsbehebung sehr erschwerte. In einem Rapport des Garagenchefs im Innenhof der damaligen Hauptpost am Bollwerk hiess es zur Verkehrstauglichkeit: «Keines dieser Autos erhält eine besondere Auszeichnung. Dem einen fehlt es mehr am hinteren Teil, beim andern vorn und beim dritten überall». 

In den Jahren 1919/1920 erwarb die Reisepost von der Armee 40 Lastwagen, die zu Reisebussen umgebaut wurden. Dies bedeutete auch den Beginn der Alpenpost: Die Passlinien Simplon, Grimsel, Furka, Bernardino und Oberalp wurden fortan regelmässig bedient. Die Pferdepost hatte bis auf wenige Nebenstrecken (Avers – Juf) ausgedient. Die grösstenteils auf den Sommerbetrieb ausgerichteten Strecken brachten zwei Neuerungen: Die Postautochauffeure verbrachten die Saison mehrheitlich an ihren Einsatzorten und die Fahrzeuge erhielten nur den absolut notwendigsten Unterhalt. Dies änderte sich jeweils mit dem Beginn des Winterhalbjahrs: Alle Busse kehrten für eine Generalüberholung nach Bern zurück und die Fahrzeuglenker übernahmen ihre angestammten Berufe als Mechaniker, Autoelektriker, Carrossier oder Schmied. Im Jahre 1921 mieteten die PTT von der Einwohnergemeinde Bern den alten Schlachthof an der Engehalde und richteten ihn als Hauptwerkstätte ein. Die Ausrüstung der Räumlichkeiten war rudimentär und verlangte von den Mitarbeitern (ausschliesslich Männern) viel handwerkliches Gespür und Improvisationstalent. Im Keller verfügte der Werkführer über einen Schrank mit Werkzeug, das nur er herausgab. Im Weiteren wies der Raum zwei Holzkisten mit alten Schrauben auf, die von überzähligen oder demontierten Motoren stammten. Bei Bedarf mussten passende Schrauben nach langer Suche herausgeklaubt werden.

Die Automobilwerkstätte von 1941

Mit der technischen Entwicklung und dem Anwachsen des Fahrzeugparks ergab sich die Notwendigkeit eines Ausbaus der Infrastruktur für Unterhalt und Reparaturen. 1934 liess die Generaldirektion PTT Studien für einen neuen Standort ausarbeiten. Der Entscheid fiel zu Gunsten des Stöckacker-Quartiers beziehungsweise der unbebauten Untermatt, die damals der Burgergemeinde Bern gehörte. Das notwendige Baugelände konnte in der Folge zum Preis von 3,60 Franken pro Quadratmeter erworben werden. Trotz kriegsbedingten Erschwernissen schritt das Bauvorhaben zügig voran, so dass am 3. Februar 1941 die modernen Werkstätten eingeweiht werden konnten. Endlich konnten alle Unterhaltsarbeiten unter Dach ausgeführt werden und die Mitarbeitenden verfügten nun über menschenwürdige Garderobenräume. Dementsprechend war die Begeisterung der Direktbetroffenen gross. 

Schon bald nach der Betriebsaufnahme zeigten sich die Auswirkungen des Kriegsgeschehens in der täglichen Arbeit. Rund hundert Grossfahrzeuge mussten auf Holzkohlegas und zweihundert Kleinfahrzeuge auf Holzkohlegas, Karbidgas oder Flaschengas umgebaut werden. Die mit Ersatztreibstoffen angetriebenen Fahrzeuge versagten oft und zwangen die Verantwortlichen zu ständigen Improvisationen und zur Suche nach Lösungen. 1943 wurde das Bereifungsmaterial derart rar, dass die Postautos auf Vollgummireifen umgerüstet werden mussten – ein Umstand, der das Reisen keineswegs zum Vergnügen machte. 

Das Kriegsende brachte für den Automobildienst der PTT nicht nur das Abwenden einer latenten Bedrohung – die Werkstätten galten als potenzielles Ziel für Sabotage und Terroranschläge – sondern mit der Eröffnung der Sustenpass-Strasse auch den Beginn der bis heute beliebten Drei- und Vierpässefahrten. Die Zahl der stets moderner werdenden Reisebusse stieg unaufhörlich an. 

Die Rolle der Mitarbeitenden in der Automobilwerkstätte

Mit dem Aufkommen der touristischen Fahrten im Alpengebiet stieg die Zahl der saisonalen Arbeitsplätze in den traditionellen Ausgangsorten wie Chur, Brig oder Martigny. Viele Mitarbeitende der Automobilwerkstätte waren demzufolge über die Sommer- und Herbstmonate an ihrem temporären Arbeitsort stationiert und häufig von ihren Familien getrennt. Einzig während den Schulferien ergab sich die Möglichkeit, die Ehegatten und Väter auf ihren Fahrten zu begleiten. Speziell für die Kinder waren diese Ausflüge von grosser Bedeutung und nicht wenige lernten hier die Grundzüge ihrer späteren beruflichen Tätigkeit. So wird vom Postkreis Brig berichtet, dass ein technisch versierter zehnjähriger Zögling eines Chauffeurs zum Schrecken – vielleicht auch zum Stolz – seines Vaters selbständig eine Runde auf dem Bahnhofplatz drehte.

Während der Wintermonate kehrten die in alle Landesteile versetzten Wagenführer nach Bern zurück und nahmen ihre Arbeit in der Automobilwerkstätte wieder auf. Die meisten von ihnen wohnten in Bümpliz, insbesondere im Stöckacker-Quartier und gingen zu Fuss an ihren Arbeitsplatz. Der Beruf eines Postautoführers genoss in der Öffentlichkeit grosses Ansehen und er stand für Zuverlässigkeit und soliden Lebenswandel. Die Lehrlingsausbildung galt als erstklassige Plattform für die Weiterentwicklung zum Meister oder Automobil-Ingenieur – zu jener Zeit eine ausgesprochene Männerdomäne.

Die Zukunft der Automobilwerkstätte und des Gewerbequartiers Untermatt

Unter dem Titel «Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Ausserholligen» planen die Behörden in unmittelbarer Nähe des Geografischen Zentrums der Stadt (im Areal der Badeanlage Weyermannshaus) eine Neuüberbauung grösseren Ausmasses. Der Perimeter des neuen Quartiers umfasst im Wesentlichen nebst der Badeanlage auch das bereits im Bau befindliche Gebiet des künftigen Campus der Fachhochschule Bern, die Senke am Ladenwandweg sowie die als Weyermannshaus West bezeichnete Gegend des Untermatt-Quartiers. Im ersten Richtplan Ende der 1990er Jahre war nebst Dienstleistungen, Gewerbe und Freizeiteinrichtungen auch Wohnen vorgesehen. Diese planerischen Vorgaben wurden zwischenzeitlich zu Gunsten eines massiven Wohnanteils verändert. Mit einem Schlag soll eine der letzten zusammenhängenden Gewerbezonen der Stadt verschwinden. Gegen dreissig Betriebe mit über hundert Arbeits- und Ausbildungsplätzen erfahren im laufenden Planungs- und Mitberichtsverfahren eine augenfällige Geringschätzung, die sich unter anderem darin äussert, dass man ihnen von Seiten der Behörden allen Ernstes den Vorschlag unterbreitet, sie sollten sich doch ausserhalb der Stadtgrenzen ein neues Zuhause suchen.


Modernes Postauto für die historische Pionierstrecke Bern-Detligen. Foto Mediendienst

Die Tradition des nahen Beisammenseins von Gewerbe und Wohnen, der kurzen Wege von Arbeitnehmenden und Kunden, wie auch der Verzicht auf eine durchstilisierte Architekturlandschaft gerät mit dem Rauswurf von Handwerksbetrieben in eine gefährliche Schieflage. Das Beispiel der ebenfalls vom Abbruch bedrohten Automobilwerkstätte hat bis Ende des letzten Jahrhunderts gezeigt, dass der Quartier-Werkplatz samt seinen qualifizierten Mitarbeitenden den Ansprüchen einer vielfältigen Nutzungsmischung entgegen kommt. Ob sich dadurch eine Renaissance der alten Automobilwerkstätte als neue Bleibe für die betroffenen Betriebe ergeben könnte? Max Werren

DER AUTOR
Max Werren
ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz». 

Archäologische Grabungsarbeiten am Fundament des Rundturms um 1974.

Franz Ludwig von Erlach und sein Erker

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Aus der Bümplizer Vergangenheit – heitere Geschichten von Max Werren – Anlässlich der Wiederaufbauarbeiten des durch einen Brand beschädigten Schlosses Bümpliz im Jahre 1980, wurden am Nordwestflügel des Gebäudes Überreste eines Erkers entdeckt. Der Fund wurde von Experten als besonders wertvoll bezeichnet, weil es sich hier um das älteste barocke Architekturzeugnis der Stadt Bern handelt.

Die Bedeutung des Erkers in der städtischen Architektur ab dem Mittelalter
Die Funktion eines der Fassade vorgesetzten Gebäudeteils – häufig aufwändig und repräsentativ gestaltet – hatte in der Regel zwei Zweckbestimmungen: Einerseits ermöglichte der Blick links und rechts der Fassade eine Übersicht über den Eingangsbereich des Hauses (was allerdings in der Stadt Bern mit den Laubengängen nicht immer möglich war), anderseits bildete der Erker ein Statussymbol, wie dies heute gelegentlich in Form von teuren Autos, Uhren oder ähnlichen Luxusgütern vor Augen geführt wird.

In der Stadt Bern erreichte der Bau von Erkern nie dieselbe Bedeutung, wie dies beispielsweise in den Städten Schaffhausen oder St. Gallen der Fall war. Zu offensichtlich war in Bern die Einsicht verbreitet, dass man den Reich-tum nicht öffentlich zelebrieren sollte. Waren es im Spätmittelaltern noch fünf bis sechs Erker, finden sich heute noch gerade drei Exemplare, nämlich zwei gegenüberliegend beim Zytglogge untenaus sowie am oberen Mayhaus an der Münstergasse.


Der Bau des Schlosses Bümpliz
Ausgehend vom Bau einer einfachen hölzernen Wehranlage um 900, rudimentär geschützt durch einen Palisadenzaun und einem rundum verlaufenden Wassergraben, erlebte das heutige (alte) Schloss Bümpliz einen steten Wandel in Abhängigkeit von den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen. Ursprünglich als temporär genutzten Standort des Königreichs Hochburgund ge-baut, erhielt die Anlage 1255 durch Petervon Savoyen eine steinerne Wehrmauer und einen massiven Rundturm, dessen Fundamente noch heute sichtbar sind. Um 1425 fiel die Herrschaft Bümpliz erbweise an die Familie von Erlach, die 1470 den Gebäudekomplex unter Verwendung älterer Teile in ein spätmittelalterliches Schloss umwandelte. Dadurch erfuhr der Besitz eine deutliche Aufwertung und die standesbewusste Patrizierfamilie konnte die Reihe ihrer herrschaftlichen Campagnen um ein weiteres Bijou erweitern. In diese Zeit fällt auch die Errichtung des dominanten Torturms samt hölzernem Brückenjoch als Widerlager für eine Zugbrücke.

Seine grösste Ausdehnung erhielt das Schloss in den Jahren 1625 bisIn dieser Zeit entstanden der bewohnbare Nordwestflügel und der Ringmauerzug im Nordosten. Zusammen mit den südlichen und südöstlichen Wehrbauten samt Torturm mit angebautem Abortturm und dem östlichen Eckturm von 1470 (am Ende der heutigen Thüringstrasse) vermittelte der Gebäudekomplex den Eindruck eines repräsentativen Herrschaftssitzes. Vom Weg aus der nahen Stadt Bern über die Murtenstrasse und der Abzweigung beim heutigen Gasthaus Jäger kommend, erblickten die Gäste des stolzen Schlossherrn Franz Ludwig von Erlach d.J. als erstes den wohl hübschesten Gebäudeteil des Schlosses: Den Barockerker an der Nordseite des Gebäudes.

Die wechselvolle Geschichte des Franz Ludwig von Erlach d. J.
1596 wurde Franz Ludwig als erstes Kind des einflussreichen Franz Ludwig von Erlach d. Ä. und der Salome Steiger in Bern geboren. Sein Vater galt mit seinen Herrschaftsrechten in Spiez, Schadau, Bümpliz und Oberhofen als sehr vermögend. Ihm ist beispielsweise der prachtvolle Ausbau des Schlosses Spiez zu verdanken. Er wurde 1629 zum Schultheiss von Bern ernannt und diente der Republik Bern und der Eidgenossenschaft in der schwierigen Zeit des Dreissigjährigen Krieges als Vermittler und Gesandter. Aus heutiger Sicht vermag der Umstand, dass er mit zwei Ehefrauen nicht weniger als 35 (!) Kinder zeugte, allerdings etwas befremdlich wirken. Zumal zehn dieser Nachkommen bereits bei der Geburt oder im Kindesalter starben.

In einem Kaufbrief von 1630 nennt sich Franz Ludwig d. J. als Mitherr von Bümpliz. Er hatte offensichtlich von seinem Vater zu dessen Lebzeiten die eine Herrschaftshälfte geerbt. Die zweite Herrschaftshälfte erwarb er von den Nachkommen seiner Schwester Johanna, die an Pest gestorben war. Offensichtlich beeinflusst durch die rege Bautätigkeit seines Vaters vor allem in Spiez und Schadau, intensivierte er den Ausbau des Schlosses Bümpliz. Durch Heirat mit drei vermögenden Frauen gelangte er zu finanziellen Mitteln, die ihm angesichts der zahlreichen Geschwister vermutlich nicht zugestanden wären. Inwieweit der Tod von sieben seiner Schwestern im Pestjahr 1528 die Erbmasse beeinflusste, ist heute nicht mehr zu ermitteln.

Franz Ludwig d. J. erlangte 1635 das einträgliche das Amt eines Gubernators von Aelen (Landvogt von Aigle) und erlebte kurze Zeit danach eine Amtsentsetzung wegen Ehebruchs. Er verbrachte vermutlich seine letzten fünf Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1650 auf Schloss Bümpliz. Er musste nicht mehr erleben, wie sein Sohn und Nachfolger Franz Ludwig III. wegen Todschlags mit der Verbannung aus der Republik Bern bestraft wurde (1667) und seine Herrschaftsrechte an Jakob Tillier verkaufte. Damit endete die Geschichte der Patrizierfamilie von Erlach auf Schloss Bümpliz.


Bau und Untergang des Erkers
Im Zusammenhang mit dem erwähnten Bau des Nordwestflügels (heute: parallel zu Bümplizstrasse)und des Nordostflügels (heute: parallel zu Klinik Permanence) eröffnete sich die Möglichkeit, das eher trutzige Erscheinungsbild des Schlosses mit dem Anfügen eines Erkers entscheidend aufzuwerten. Die geringe Tiefe von 80 Zentimetern erlaubt keine wesentliche Nutzung für Wohnzwecke, vermittelt indes von aussen den ge-wünschten Effekt von Pracht. Dazu trug auch der das Dach überragende Turm mit Glockenhaube und verglasten farbigen Ziegeln bei. Der Fenstersturz mit dem Allianzwappen von Erlach und von Wattenwyl sowie der Jahreszahl 1632 bildete das wichtigste Element der Aussenwand.

Erker mit Allianzwappen von Erlach-von Wattenwyl von 1632.

Das Jahr 1632 hatte im Übrigen eine besondere Bedeutung für den Schlossherr Franz Ludwig d. J.: Es bedeutete den Abschluss der wichtigsten baulichen Veränderungen für lange Zeit, im gleichen Jahr verstarb seine erste Frau Elisabeth von Chambrier, er heiratete seine zweite Frau Esther von Wattenwyl und wurde Vater seines Sohnes Franz Ludwig III. aus zweiter Ehe. Wahrlich eine Fülle von Ereignis-sen, deren Inhalt Stoff für eine Filmromanze liefern könnte …


Hatte der rund um das Schloss verlaufende Wassergraben im 17. Jahrhundert noch eine gewisse fortifikatorische Bedeutung – gelegentliche Raubzüge von marodierenden Soldaten aus dem 30-jährigen Krieg waren nicht selten – so setzte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts eine stete Verlandung beziehungsweise Aufschüttung des Grabens ein. In diese Zeit fällt auch der mutmassliche Fall des Erkers in die Senke. Der Zugang im 1. und 2. Stock wurde vermauert und die Erinnerung an das einstige Juwel schwand. Der Totalabbruch der südseitigen Gebäudeteile (heute: Seite Indermühleweg), die als billigen Steinbruch für den Bau des Neuen Schlosses verwendet wurden, beschleunigte den optischen Niedergang des Alten Schlosses. Die Titulare der Herrschaft Bümpliz wohnten fort an im Neuen Schloss (Eröffnung 1742); im bisherigen Gebäude verblieben die Dienstboten. Dies blieb auch nach dem Ende der Herrschaft durch die gnädigen Herren und der Nutzung der beiden Schlösser durch bürgerliche Orga-nisationen so.


Mit dem Kauf des Alten und des Neuen Schlosses durch Johann Friedrich Albrecht Tribolet im Jahre 1839 erhielt das Alte Schloss erneut ein stark verändertes Aussehen. Die bisherigen Wirtschafts- und Gewerberäume wurden zu Patientenzimmern für seine Pri-vatklinik umgebaut. Der einstige Wassergraben diente nun als Garten, die Überreste des ehemaligen Erkers lagen unerkannt unter der Erdoberfläche.


Ein Brand beschert eine wundersame Entdeckung
1954 bot die Gemeinnützige Genossenschaft als Betreiberin der ehrenamtlich geführten Gemeindestube das Alte Schloss der Stadt zum Kauf an. Der Kaufpreis betrug 79 800 Franken und entsprach dem amtlichen Wert. Verschiedene Nutzungsvorschläge endeten ergebnislos und das Gebäude zer-fiel zusehends. Obwohl dringend nötige Unterhalts- und Reparaturarbeiten unumgänglich erschienen, verstrich bis zur Renovation ein weiteres Vierteljahrhundert. Der Anstoss zum Umbau kam schliesslich von Seiten der Archäologie. Der nachmalige Kantonsarchäologe Hans Grütter empfahl die Aushebung des einstigen Wassergrabens und sprach vom zweitwichtigsten Wasserschloss des Kantons Bern (was ehrlicherweise erwähnt werden muss: nebst Bümpliz verfügt der Kanton nur noch über ein Wasserschloss, nämlich die Landshut). Die in Angriff genommenen Pla-nungsarbeiten durch das Architekturbüro Rausser & Clemençon erfuhren am 19. November 1976 einen jähen Unterbruch: Zeuselnde Buben entfachten in einem leerstehenden Raum ein Feuerchen, das sich zu einem Gross-brand entwickelte. Mit Ausnahme des angesengten Dachstocks im Torturm fiel ein Grossteil der bewohnbaren Gebäudeteile dem Feuer zum Opfer. Das vermeintliche Unglück erwies sich im Nachhinein als Glücksfall: Die subtile Annäherung an die einstigen Umbauten des 17. Jahrhunderts des Franz Ludwig von Erlach d. J. durch die Architekten, insbesondere aber auch die Wiederherstellung des Wassergrabens, ermöglichten eine Renaissance des wichtigsten historischen Gebäudes von Bümpliz. Der absolute Höhepunkt der Umbauarbeiten wurde indes erreicht, als bei den Grabungsarbeiten zum neuen Wassergraben Zeugen des ehemaligen Erkers entdeckt wurden, nämlich drei von vier Konsolen samt Bodenplatte sowie als wichtigstes Element der sorgfältig gehauene Fenstersturz mit Allianzwappen und der Jahreszahl 1632. Diese Fragmente bildeten die Grundlage für weitere Nachforschungen zum längs verschollenen Gebäudeteil.


Im Oktober 1980 erhielt die Bevölkerung des gelegentlich wegen ihrer vielen Neubausiedlungen kritisierten Stadtteils VI ein Kleinod, das zu den schönsten historischen Bauten des Kantons gehört. Franz Ludwig von Erlach d. J. und zwei zeuselnden Buben sei Dank!

DER AUTOR
Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».

Das berühmte Sek-Schulhaus in Bümpliz. Das Foto stammt etwa aus dem Jahr 1950.

Johann Peter Hebel und die Sek Bümpliz

7 Minuten zu lesen

AUS DER BÜMPLIZER VERGANGENHEIT – HEITERE GESCHICHTEN VON MAX WERREN – Während rund hundert Jahren genossen einige Tausend Schülerinnen und Schüler den Unterricht in der höchsten Bildungsanstalt von Bümpliz, der Sekundarschule.

DER AUTOR
Max Werren ist ehemaliger Inhaber einer Kommunikations-Agentur und einstiger ehrenamtlicher Co-Ortsarchivar von Bümpliz. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, darunter der «Bümplizer Geschichte(n)». Zudem ist Werren Präsident von «Kultur Schloss Bümpliz».

Wobei der Begriff «genossen» mit Vorbehalt hingenommen werden sollte. Ein gelangweilter Schüler erinnert sich mit Verdrossenheit an die Deutschstunden, in denen der hochgelobte alemannische Dichter Johann Peter Hebel die Hauptrolle spielte.

Von den Anfängen der Sekundarschule
Im selbständigen Bauerndorf Bümpliz war 1896 mit der erweiterten Oberschule der Französischunterricht eingeführt worden. Diese Neuerung bedeutete eine qualitative Erweiterung des Lehrplans, der unter anderem die Fächer biblische Geschichte, Schönschreiben, Schweizergeschichte und Linienzeichnung umfasste. Der Unterricht fand in den beiden Dorfschulhäusern an der Bümplizstrasse statt. Das dritte Schulhaus wurde 1903 auf der Höhe erstellt. Angesichts der knappen Finanzen der damaligen Gemeinde Bümpliz musste an allen Ecken und Enden ge-spart werden. So wies das Gebäude beispielsweise keine Toiletten auf und der Turnunterricht erfolgte mangels einer Turnhalle und Geräten nach spartanischen militärischen Grundsätzen, zu denen auch Marschübungen und Strammstehen gehörten.
1905 erfolgte die offizielle Gründung der Sekundarschule und am 10. April fand die erste Eintrittsprüfung statt. Von 91 angemeldeten Kindern konnten 65 aufge-nommen werden. Der Schule wurden zwei Räume im ersten Stock des Höhe-Schulhauses zur Verfügung gestellt. Die schnell wachsende Bevölkerungszahl von Bümpliz und die dadurch bedingte Zunahme der Zahl von Schülerinnen und Schülern – in der Unterstufe mit einem Klassenbestand von bis zu 70 Kindern – bedingte einen Ausbau des Höhe-Schulhauses. Die vergrösserte Sekundarschule fand Platz im neuen Gebäudeteil.

1911 konnte die Sekundarschule ihr eigenes Schulhaus an der Bümplizstrasse beziehen. Der markante und zweckmässige Bau des Bümplizer Architekten Karl Indermühle wurde bereits 1923 durch denselben Architekten er-weitert. Es entstand bis 1951 die zehnklassige Schule. Zudem ermöglichte die neue Turnhalle ei-nen von den Witterungsverhältnissen unabhängigen Turnunterricht. Ein mit (dauerkaltem) Stadtbachwasser gefüllter Bade-weiher diente dem weitherum ungeliebten Schwimmunterricht – meist von Lehrern in Anzug und Krawatte beaufsichtigt.

Die Qualität des Unterrichts
Es ist eine altbekannte Tatsache, dass Kinder – speziell in der Ent-wicklungsphase zwischen zehn und 16 Jahren – sich stark an der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrperson orientieren. Vermutlich war dies zu meiner Zeit vor 70 Jahren noch ausgeprägter. Pädagogische Förderung durch geachtete und respektierte Lehrerinnen und Lehrer lösten sich ab mit autoritären Umgangsformen, die Kopfnüssen, Schlüsselwerfen oder bestenfalls zynischen Bemerkungen («Und nun sage ich es noch einmal für die Dümmeren.») umfassten. So hatte sich zu meiner Zeit ergeben, dass ich auf Weihnachten hin mit meinen Schulkolleginnen und -kollegen ein anspruchsloses Krippenspiel einstudierte. Der vermeintliche Erfolg beflügelte mich und so machte ich mich in der achten Klasse an die Umsetzung des Klassikers von Erich Kästner «Drei Männer im Schnee». Einem älteren Deutschlehrer stiess diese «flagrante Missachtung des heiligen Geistes in der Vorweihnachtszeit» dergestalt auf, dass er mein sorgfältig aufgebautes Manuskript vor der Klasse zerriss und mich in die sogenannte Lehrerkonferenz zitierte, wo ich ganz offiziell gemassregelt wurde. Ganz offensichtlich empfand die Lehrerschaft den Untertitel «Lustspiel» (siehe Originalprogramm) angesichts der moraltriefenden Weihnachtsstimmung als provokativ.

Unsägliche Deutschstunden
Der Deutschunterricht an der Sekundarschule Bümpliz war in meiner Klasse geprägt durch zwei Literaten, deren Ergüsse aus meiner Sicht an Langweiligkeit kaum zu übertreffen waren: Peter Rosegger, ein österreichischer Hei-matdichter aus der Steiermark, dessen Erlebnisse als Waldbauernbub in der haarsträubenden Schilderung des Dahinscheidens eines kleinen Zickleins gipfelten sowie Johann Peter Hebel, einem alemannischen Dichter aus dem Wiesental, nahe bei Basel. Wenn ich auch den Wert seiner vielgerühmten literarischen Arbeit in späteren Jahren durchaus schätzen lernte, so waren seine «Allemannischen Gedichte» im Wiesentaler Dialekt eine totale Zumutung. Auch seine ab 1803 herausgegebenen «Kalendergeschichten» mit ihren hohen Ansprüchen an Moral und Vater-landsliebe vermochten mein Interesse nicht zu wecken und so verbrachte ich den grössten Teil meiner Deutschstunden in völliger Apathie – oder noch schlimmer – ich versteckte ein «Jerry Cotton-Heftli» hinter den Buchseiten und verschlang mit roten Backen diese sogenannte Schundliteratur. Ein Umstand (die roten Backen), der meinem Deutschlehrer natürlich nicht entging und der mit einem präzis justierten Wurf des Schlüsselbundes und mehreren Malen Hinauswurf vor die Türe beendet wurde.

Das Hoöhe-Schulhaus, fotografiert um das Jahr 1950.

Was ich zu jener Zeit nicht begriff und was mir noch heute unerklärlich erscheint, ist die Tatsache, dass zu meiner Schulzeit einer der interessantesten und lebendigsten Schweizer Schriftsteller keine 50 Meter von unserem Schulzimmer lebte: Carl Albert Loosli, «Der Philosoph von Bümpliz»! Sein Roman «Es stirbt ein Dorf», der die Auflösung der dörflichen Gemeinschaft von Bümpliz zum Thema machte, wäre mit Sicherheit ein bleibendes Unterrichtserlebnis für uns Kinder gewesen. Da aber Loosli in den Augen der mehrheitlich konservativen Lehrerschaft ein umstrittener Revoluzzer war, war sein Wirken an der Sekundarschule obsolet. Einem damals jungen wie beliebten Lehrer – er starb kürzlich im Alter von 100 Jahren – wurde dies zum Verhängnis. Seine Lesungen über die Werke von Loosli und ein Besuch mit der Schulklasse im benachbarten Stöckli, hatten einen Verweis von Seiten der Schulleitung zur Folge.